Montag, 19. März 2018

Der erste Kinobesuch der Kleinen

Eigentlich wäre der erste Kinobesuch der Kleinen keinen eigenen Blogpost wert, da er so ziemlich wie erwartet ablief. Da es aber meinem Gerechtigkeitsempfinden widerspricht, über das erste Mal Kino beim Großen vor fast genau einem Jahr ausführlich zu berichten und bei der Kleinen nicht, folgt hier nun doch ein kleiner Text darüber. Irgendwie bekommen die Entwicklungsfortschritte der Zweitgeborenen nie soviel Aufmerksamkeit wie beim ersten Kind und das finde ich schade. Andererseits empfinde ich ihre Schritte auch oft als nicht so spektakulär, schwierig oder berichtenswert wie beim Großen, da sie vieles wie nebenbei meistert, mit dem er sich selbst oder wir uns mit ihm arg gequält haben.

Übrigens hat sie auch gerade problemlos ihre zweite Kita-Übernachtung gemeistert, die die Feuerprobe für ihre erste Kitafahrt im Mai war. Nun werden wir bald erfahren, ob sie mitfahren darf. Im November 2017 übernachtete sie zum ersten Mal in der Kita (hier zum Nachlesen) und nach Weihnachten erstmals bei den Großeltern. Wir machten uns also diesmal keine Sorgen und es klappte auch alles wunderbar. Wenn ich da an die schwierigen Begleitumstände der Kita-Übernachtungen des Großen denke, staune ich, wie unspektakulär mit ihr vieles abläuft. Der Tag danach ist zwar immer ziemlich durcheinander, aber insgesamt wirft so ein Ereignis weder sie noch uns so aus der Bahn, wie es beim Großen immer war.

Nun aber zu ihrem ersten Kinobesuch: Bekanntlich bin ich grundsätzlich kein Freund von sehr frühen Kinobesuchen und habe zudem noch als erstes Kind ein Kind, mit dem ich sehr vorsichtig in diesen Dingen vorgehen musste. So habe ich seinerzeit einen Kinobesuch des Großen mit der Kita im Alter von gerade 5 Jahren abgelehnt und lieber noch ein Jahr gewartet, bis ich das Gefühl hatte, dass er jetzt bereit dazu war. Sein erstes Mal Kino mit 6 Jahren wurde dann ein absolut positives Erlebnis, wir hatten einen schönen Nachmittag mit der "Häschenschule" und er erinnert sich bis heute daran. Nun ist die Kleine nicht nur ein anderer Charakter als er, sondern aufgrund ihres Zweitgeborenen-Status' sowieso auch von Anfang an vieles gewöhnt, was beim Großen erst später begann. Waren wir mit ihm mit knapp 3 Jahren das erste Mal im Kindertheater, so begleitete sie uns zwangsläufig schon in einem jüngeren Alter dahin. Auch Shows und sonstige Ereignisse bekam sie schon früher zu sehen als er. Das ist, glaube ich, normal bei den zweiten (und weiteren) Kindern. Sie wird nun in knapp 2 Monaten 5 Jahre alt.


Dazu kommt, dass sie anders auf visuellen Input reagiert als er. Zwar ist sie sehr begeisterungsfähig, saugt aber nicht im gleichen Maße auf wie der Große und wird nach einer Weile sehr unruhig, was zwar nervend für uns ist, sie aber wahrscheinlich zumindest teilweise vor der Überreizung durch zu viele Eindrücke schützt. Auch achtet sie selbst sehr gut auf sich, was die Geräuschkulisse angeht, und fordert sofort den Peltor Kid-Gehörschutz ein, den wir bei lauten Veranstaltungen immer dabei haben. Sie schafft es also gut, sich zu schützen und ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals nach einer Veranstaltung überreizt war oder durchgedreht ist. Sie kann das einfach besser verarbeiten als der Große und hat, was das betrifft, eine recht gute Selbstregulation. Wenn ihr etwas zuviel wird, macht sie dies sehr deutlich. Das wiederum kann für uns sehr anstrengend sein, weil sie dann herumläuft, stört, essen und gehen will. Jedes Kind hat halt so seine Macken;-)

Ich habe einen schönen Anfänger-Film für ihren ersten Kinobesuch herausgesucht, nämlich "Die Biene Maja 2 - Die Honigspiele". Wichtig ist mir immer, dass wir in ein kleines Programmkino gehen und glücklicherweise wurde der Film bei uns in der Nähe in unserem "Stamm-Programmkino" gezeigt. Am Sonntag 11. März, dem Tag nach der Kindergeburtstagsfeier des Großen, verbrachte ich mit ihr bei herrlichem Frühlingswetter erst 5 Stunden im Garten, wo wir uns an der frischen Luft austobten, und fuhr dann mit ihr gemütlich zu dem kleinen Kino, wo der Kinosaal wie erhofft wegen des schönen Wetters fast leer war. Perfekt! Sie suchte sich ihren Platz aus, wobei ich wieder einen Randplatz vorschlug, und war sichtlich stolz, dass sie nun auch endlich mal im Kino war.


Der Film (80 Min.) war wirklich niedlich und auch absolut geeignet als Einsteigerfilm, aber sie hält eben tatsächlich noch nicht so lange durch wie der Große. Nach 45 Minuten wollte sie das erste Mal aufstehen. Ich zog sie dann nochmal 20 Minuten mit knabbern und Schoß sitzen, aber sie fing an aufzustehen, herumzulaufen und laut zu reden, so dass wir kurz vor Schluss das Kino verließen. Sie hatte wirklich genug gesehen und wollte nicht mehr. Obwohl ich mich zugegebenermaßen ein bisschen geärgert habe, dass wir das Ende verpassten, finde ich es eigentlich grundsätzlich positiv und auch bewundernswert, dass sie deutlich zeigt, wann es für sie genug ist. Wenn sie nun noch lernt, das ohne zu stören und andere in Mitleidenschaft zu ziehen zu kommunizieren, wäre es für alle angenehmer. In diesem Fall war es auch insofern einfach, weil ich allein mit ihr schaute und entsprechend ihrer Bedürfnisse auf sie reagieren konnte. Was aber, wenn der Große dabei ist und noch bis zum Ende schauen will? Schwierig. Dann müssen wir entweder einen Kompromiss schließen oder eines der Kinder hat das Nachsehen. Hier wäre das der Große gewesen, weil sie sonst weiter gestört und im schlimmsten Fall das Kino zusammengeschrien hätte. Der Große war übrigens an diesem Tag mit dem Papa unterwegs und nachmittags auf einen Kindergeburtstag eingeladen. Insofern passte das super.

Hinterher wirkte sie fröhlich und zufrieden, aber nicht aufgedreht oder durcheinander. Ich glaube, sie hat das sehr gut weggesteckt. Ein bisschen hatte ich auch den Eindruck, ihr ging es vor allem darum, das Gleiche zu machen wie der Große;-). Ich finde, das war trotz des vorfristigen Aufbrechens ein erfolgreicher erster Kinobesuch für die Kleine. Längere Filme werde ich mit ihr aber tunlichst meiden. Dafür ist sie einfach noch zu unruhig. Nun war ich also mit einem meiner Kinder schon vor dem 5. Geburtstag im Kino. Die Umstände passten einfach und vor allem, das Kind ist anders. Das ist der ausschlaggebende Punkt. Sehr spannend, diese Unterschiede, und man lernt nie aus.

Dienstag, 13. März 2018

Der 7. Geburtstag des Großen

Vor genau einer Woche haben wir den 7. Geburtstag meines Großen gefeiert. 7 Jahre, ist denn das zu fassen?! Ich finde es einfach nur toll und bin überhaupt nicht wehmütig. Die schwierigen ersten Jahre sind ein für allemal vorbei, der Schulstart wurde von ihm toll gemeistert und man kann meist ganz wunderbar mit ihm zusammenleben. Ein Höhepunkt im vergangenen Lebensjahr war sicherlich unsere gemeinsame Mutter-Kind-Kur, die uns nochmal mehr zusammengeschweißt hat. Ich freue mich über sein Größerwerden und all die Dinge, die wir jetzt gemeinsam machen können. Er hat sich wahnsinnig toll entwickelt und ist ein wunderbarer, angenehmer, beliebter, integrierter und bewusster Junge geworden.


An seinem Geburtstag, dem 6. März, einem Dienstag, trat nach dem Auspacken der Geschenke und kurzem Bespielen natürlich der Alltag ein. Der Papa brachte das Geburtstagskind zur Schule und die Kleine zur Kita. In der Schule wurde er ein wenig gefeiert und brachte Muffins und Süßkram mit. Ich selbst hatte frei genommen, damit ich den Großen mittags abholen konnte. Das wünschte er sich so sehr, um in Ruhe sein Lego bauen zu können. Also holte ich ihn nach der Hofpause um 12:30 Uhr ab und wir schlenderten nach Hause, aßen Mittag, telefonierten mit den Großeltern und bauten gemeinsam an einem der Lego-Sets*, bis der Papa um 15:30 Uhr kam. Hier könnt ihr nachlesen, was er außer Lego noch an Geschenken bekam.


Dann tauschten wir und ich holte die Kleine ab, während der Papa sich seinem Geburtstags-Sohnemann widmete. Den Nachmittag voller Exklusivzeit und Ruhe hat er unheimlich genossen, so etwas ist im normalen Alltag ja so gut wie nie möglich. Am Abend machten wir noch ein Pizza-Picknick im Wohnzimmer, weil er sich das ebenfalls gewünscht hatte. Ich glaube, das war so ziemlich der ruhigste und ereignisloseste Geburtstag, den er bisher hatte, aber für ihn war das genau richtig und alle waren ausgeglichen und zufrieden. Er hatte Zeit zum Spielen und ging glücklich ins Bett. Ich selbst dachte noch viel an den Tag seiner Geburt, die erste Nacht und die darauffolgenden schwierigen Tage. Und bin sehr froh, all das zu einem Zeitpunkt, als ich mich noch besser erinnern konnte, aufgeschrieben zu haben.

Am Samstag, 10. März, fand seine Kindergeburtstagsfeier statt. Zum ersten Mal nicht in unserer Wohnung, sondern wir hatten einen Tisch in einem Indoorspielplatz gebucht. Auch dies hatte er sich dringend gewünscht, weil viele seiner Freunde schon dort gefeiert hatten. Wir wussten, dass das recht anstrengend werden würde, aber wenigstens blieb die Wohnung unversehrt und es gab nur wenig vorzubereiten. Er hatte diesmal 5 Kinder eingeladen, so dass es mit unseren beiden insgesamt 7 Kinder waren. Wir trafen uns vor unserer Haustür und fuhren mit 2 Autos zu dem Indoorspielplatz. Dort empfing uns wie immer ohrenbetäubender Lärm. Wir verzogen uns erstmal nach oben zu unserem Geburtstagstisch, der schön dekoriert war, und aßen den von mir mitgebrachten "Ninjago-Kuchen" (mit Ninjago-Figuren aus Esspapier*). Auch die Mitgebsel-Tüten waren mit Ninjago-Kleinkram gefüllt, z.B. Radiergummis*, Ninja-Fallschirmspringern* und Ninjago-Bleistiften*.


Dann zogen die Kinder in die Tobewelt los, und im 5-Minuten-Takt kam mindestens eines der Kinder mit einem Anliegen zu uns. Einer hatte Nasenbluten, eine war geschubst worden, einer hatte Bauchschmerzen, einer war gegen eine harte Säule gestürzt, einer schüttete ein Glas um, mehrere Kinder mussten auf Toilette, der Große war zerrissen zwischen seinen Freunden und wusste nicht, mit wem er zuerst losziehen sollte, und die Kleine, die es gewohnt war, sonst mit dem Großen zusammen dort zu toben, fühlte sich isoliert und allein und hing ständig bei uns rum. Es gab keine 10 Minuten Ruhe, das war in Kombination mit dem Lärm der Tobewelt wirklich nervend. Ich war vor nicht allzu langer Zeit mal mit meinen beiden Kindern allein dort gewesen, da ließen sie mich immer ziemlich lange in Ruhe und ich konnte viel im Handy oder Buch lesen. Nun ja, es waren eben auch 7 Kinder, und einige der Gastkinder schienen einen solchen Indoorspielplatz nicht wirklich zu kennen. Der Stresspegel war für alle schon recht hoch und wir waren erleichtert, als die 3 Stunden vorbei waren. Wir fuhren noch eines der Kinder nach Hause, die restlichen wurden entweder selbst abgeholt oder von einem anderen Papa mitgenommen, und dann war der Tag vorbei. In eine aufgeräumte, unversehrte Wohnung zurückzukommen, war natürlich echt toll. Der Preis dafür war allerdings hoch:-)

Der Geburtstag war frühlingshaft mild, nicht ganz so warm wie am Montag, aber angenehm. Abends begann es zu regnen und am nächsten Morgen erwartete uns eine leichte Schneedecke, die aber im Laufe des Vormittags wegtaute. Es war glücklicherweise keiner krank; im letzten Jahr, an seinem 6. Geburtstag, war ich ja sehr angeschlagen. Leider ist der Große nach diesem Wochenende dennoch sehr erschöpft, da er am Sonntag noch auf einem anderen Geburtstag eingeladen war und kaum Zeit zur Regeneration hatte. Ich hoffe, dass er bis zu den Osterferien durchhält.

7 Jahre! Wahnsinn! Mein großer Junge!

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Montag, 5. März 2018

WMDEDGT? am 5. März 2018 - Geburtstagsvorbereitungen

Es ist der Tag vor dem 7. Geburtstag meines Großen und ich habe volles Programm. Zum Glück ist Montag mein freier Tag und alle sind gesund! Als die Kinder außer Haus sind, fange ich an. Zuerst backe ich 50 Muffins für die Schule, die der Große morgen mitnimmt, und noch einen kleinen Geburtstagskuchen für den Großen. Zum ersten Mal seit 4 Jahren keinen Motivkuchen! Ich habe zu den vergangenen Geburtstagen einen Feuerwehr-, einen Polizei-, einen Piratenschiff- und einen Drachenkuchen gebacken. Diese Zeiten scheinen jetzt vorbei zu sein.



Zwischenzeitlich kommt der Rewe Lieferservice und bringt Nachschub. Die beiden Lieferanten wollen sich gleich zu Kaffee und Kuchen einladen, weil es so nach Backstube duftet.


Nach dem Ausräumen fange ich an, die Geschenke für den Großen zusammenzusuchen und einzupacken. Er bekommt natürlich wieder ein großes Lego-Set (Bergbauprofis)*, zwei Erstlesebücher, ein neues Ninjago-Freundebuch*, da sein altes aus der Kita-Zeit voll ist, das Spiel "Die Siedler von Catan Junior"* (ab 6 Jahre), ein Puzzle, das Buch "Die alten Griechen"* aus der Was ist Was-Reihe und ein Cryptex* vom Kosmos Verlag. Es dauert eine Weile, bis alles fertig ist.



Danach packe ich gleich weiter ein, denn ich bin am vergangenen Donnerstag zum zweiten Mal Tante geworden und das Baby und sein Bruder sollen ein paar Kleinigkeiten bekommen.


Anschließend wird die Wohnung gesaugt, die Geburtstagsdeko zusammengesucht und ich blase schon die Luftballons auf.

Mittags pflanze ich mich nach dem Mittagessen mit einem Kaffee und dem neuen Wunschkind-Buch* auf die Couch.


Und ich freue mich darüber, dass Susanne Mierau meine gestrige Rezension des tollen Buches von Mary Sheedy Kurcinka auf Twitter teilt.


Gegen 15:30 Uhr gehe ich los, um die Kinder nacheinander abzuholen. Zuerst den Großen aus der Schule, dann gehen wir gemeinsam zur Kita. Es ist herrlich mild, der erste Frühlingstag nach den kalten Wintertagen und wir können in unserem Stammcafè sogar erstmals draußen sitzen und Eis schlecken. Wir sehen noch den letzten Schnee dieses Winters.


Später geht es noch auf den Spielplatz, wo wir Freunde treffen und viele andere Kinder, die sich alle freuen, endlich wieder länger draußen sein zu können.


Zuhause malt die Kleine ein Bild für den Geburtstag des Bruders und dann wird das normale Abendprogramm absolviert.


Nachdem die Kinder schlafen, dekoriere ich das Wohnzimmer und den Geburtstagstisch. Nun kann der 7. Geburtstag des Großen kommen!


Mehr #wmdedgt gibt es wie immer bei Frau Brüllen zu lesen.

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Sonntag, 4. März 2018

Über besonders fordernde, gefühlsstarke, sensible Kinder: "Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden" (Rezension)

Diesmal möchte ich euch ein Buch vorstellen, was mich absolut begeistert, aufgewühlt und bereichert hat. Es handelt sich um das Buch "Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden. Der Erziehungsratgeber für besonders geforderte Eltern"* von Dr. Mary Sheedy Kurcinka, das im Oktober 2017 im mvgverlag erschienen ist. Vorweg: bitte lasst euch nicht von dem in meinen Augen eher unpassenden und plakativen Titel und Untertitel abschrecken! Ich war anfangs sehr skeptisch und bin erst beim Lesen des englischen Titels und Untertitels hellhörig geworden, der lautet: "Raising your spirited child. A guide for parents whose child is more intense, sensitive, perceptive, persistent and energetic"*. Mit Schlagworten wie Sensibilität, Willensstärke, einem fordernden Temperament und besonders ausgeprägter Wahrnehmung kann ich aus meiner Beschäftigung mit den Themen hochsensible Kinder | autonome Kinder | High Need-Kinder deutlich mehr anfangen als mit dem deutschen Titel. Und genau diese Begriffe sowie die Verlagsankündigung, dass es speziell um Kinder geht, deren Erziehung Eltern wegen ihres besonderen Temperaments immer wieder an ihre Grenzen führt, brachten mich dann auch zur Lektüre dieses Buches.

Mary Sheedy Kurcinka ist Therapeutin im Bereich Erziehung und Familienberatung, ihr ursprünglich schon 1992 erschienenes, seitdem mehrfach überarbeitetes Buch war ein Bestseller in den USA und sie gibt Kurse und Workshops zum Thema ihres Buches. Sie führt zur Beschreibung der Kinder, die sie meint, den Begriff "Spirited" ein, der in der deutschen Ausgabe als "Temperamentvoll" übersetzt wird, eine nicht unbedingt falsche, aber doch, wie ich finde, ebenfalls unpassende Beschreibung, denn spirited bedeutet soviel mehr als temperamentvoll. Viel hilfreicher und passender finde ich den Begriff, den Nora Imlau im Zuge der Arbeit an ihrem bald erscheinenden Buch "So viel Freude, so viel Wut"* entwickelt hat, nämlich "Gefühlsstarke Kinder". Da geht es um Kinder, die von Geburt an anders sind als andere Kinder: wilder, bedürfnisstärker, fordernder, aber gleichzeitig auch feinfühliger, sensibler, verletzlicher. Und genau diese Attribute umschreiben den Begriff spirited viel besser. Ich werde also den Begriff Nora Imlaus in meiner Rezension parallel zu dem Begriff temperamentvoll verwenden, er trifft genau das, worum es in Kurcinkas Buch geht.

Das Buch ist in fünf große Teile und jeweils mehrere Unterkapitel gegliedert und mit 592 Seiten sehr umfangreich, liest sich aber flüssig und anschaulich, ist praxisnah und über alle Maßen hilfreich beim Verständnis eines solchen Kindes. Es ist an Eltern gerichtet, die "ein Kind groß[..]ziehen, das völlig normal, in allem aber 'etwas mehr' ist" (S. 14). "Es sind normale Kinder, sie haben nur mehr Intensität, mehr Beharrlichkeit, sind empfindlicher, haben eine höhere Wahrnehmungsfähigkeit, und an Veränderungen passen sie sich schwerer an als andere Kinder." (S. 19) Für die Eltern temperamentvoller Kinder kann das Leben mit ihnen eine große Herausforderung sein, denn sie "werden auch mit der Erschöpfung konfrontiert, die das Leben mit einem [solchen] Kind mit sich bringt..." (S. 27).

Diese spirited children zeichnen sich durch folgende charakteristische Merkmale aus:
  • Intensität (heftig in allen ihren Reaktionen, seien sie nach außen oder nach innen gerichtet; einen Mittelweg gibt es selten)
  • Beharrlichkeit (sehr ausdauernd bzw. stur, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben)
  • Empfindlichkeit (reagieren stark auf Gerüche, Geräusche, Licht, Stimmungen, taktile Reize; schnell überfordert und überreizt, da sie alles aufsaugen)
  • Hohe Wahrnehmungsfähigkeit (nehmen alles um sich herum wahr, alles wird gleichermaßen intensiv empfunden, dadurch wirken sie ablenkbar, verträumt oder unkonzentriert; andererseits sehr fokussiert auf Dinge, die sie interessieren)
  • Schlechtes Anpassungsvermögen (Probleme mit Veränderungen und Übergängen)
Nicht alle, aber viele dieser temperamentvollen Kinder weisen zusätzlich noch folgende Persönlichkeitsaspekte (Bonus-Merkmale) auf:
  • Probleme mit der Regelmäßigkeit (sie haben keinen Rhythmus, ihre Bedürfnisse sind schwer vorhersehbar)
  • Hohe Energie (immer in Aktion, wirken unruhig, kaum Ruhephasen)
  • Erste Reaktion (schrecken vor Neuem zurück, vorsichtig, brauchen Anpassungszeit)
  • Stimmung (kritisch, unzufrieden, gefangen in Stimmungen)

Wer sich mit dem Thema High Need-Babys/Kinder beschäftigt hat, wird sofort viele Übereinstimmungen feststellen. Dr. William Sears hat die bekannten 12 Kriterien für High Need-Babys aufgestellt, unter denen ebenfalls Charakteristika wie intensiv, fordernd, sehr empfindlich, hyperaktiv, unzufrieden, unberechenbar usw. zu finden sind. Auf dem Blog 2KindChaos finden sich eine ausführliche Beschreibung dieser Kriterien sowie weitere Informationen über High Need-Babys. Leider gibt es kaum Forschungen darüber, wie sich High Need-Babys weiterentwickeln und wie sie sich als Kleinkinder und auch später verhalten. Ich selbst sehe eine große Schnittmenge zwischen High Need-Kindern und spirited children und denke, Letztere sind möglicherweise einfach größer werdende High Need-Babys.

Viele dieser von Kurcinka beschriebenen Charakteristika treffen auch auf die hochsensiblen (high sensitive) Kinder zu. Spannend ist auch, dass Kurcinka genau den gleichen Prozentsatz für ihre spirited children angibt, wie Elaine N. Aron und andere Pioniere der Erforschung der Hochsensibilität als Anteil hochsensibler Menschen/ Kinder an der Gesamtbevölkerung ansetzen, nämlich 15-20% (siehe Kurcinka S. 29). Hierzu passen auch die 15%, die Jerome Kagan als leicht erregbar bzw. "gehemmt" (irritable) beschreibt. Kurcinka erwähnt hochsensible Kinder auch mehrfach im Buch, z.B. auf Seite 253 und 365, und ohne konkrete Unterscheidung. Allerdings sind natürlich nicht alle hochsensiblen Kinder als Babys High Need gewesen. Bei meinem Sohn war das tatsächlich der Fall, aber es gibt auch viele hochsensible Kinder, die ausgesprochen ruhige Babys waren. Ob das nun also das gleiche Phänomen ist, lässt sich schwer sagen. In jedem Fall gibt es bemerkenswerte Schnittmengen und Parallelen zu High Need-Babys und hochsensiblen Kindern.

Herausforderung

Kurcinka macht immer wieder deutlich, dass spirited children eine ungeheure Herausforderung für ihre Eltern sein können: "Vater oder Mutter eines temperamentvollen Kindes zu sein, kann ein einsames Unterfangen sein. Da diese Kinder 'mehr' sind, bleiben viele Ratschläge, die für das Aufziehen anderer Kinder funktionieren, bei temperamentvollen Kindern wirkungslos." (S. 27) Dieses Temperament ist genetisch veranlagt und hat weder etwas mit Krankheit, Unnormalität oder einem Erziehungsversagen der Eltern zu tun. Es ist nicht starr und unveränderlich, bleibt aber grundsätzlich gleich. Eltern können also nicht das Temperament, die Veranlagung des Kindes verändern, können aber durchaus viel dazu beitragen, dass solche Kinder ihr Potential besser ausnutzen und die durch ihr Temperament entstehenden Schwierigkeiten selbst beeinflussen können. "Sie sind es, die Ihrem Kind zu erkennen helfen, wenn sein Motor zu heiß läuft. Sie sind es, die Ihrem Kind die Worte beibringen, mit denen es beschreiben kann, was es empfindet. Sie sind es, die ihm Strategien beibringen, um die Spur reibungslos zu wechseln und zu bremsen, ohne ins Schleudern zu kommen." (S. 57) Das Buch möchte dazu beitragen, wirklich zum Fachmann für sein besonderes Kind zu werden, und es transportiert nicht nur unheimlich viel Wissen und Verständnis für diese Kinder, sondern auch jede Menge praxisorientierte Ratschläge, Strategien und Hilfen.

Genau davon handeln die folgenden Kapitel im Buch, in denen sich auch mal einiges wiederholt, was aber überhaupt nicht störend ist, weil immer wieder eine etwas andere Perspektive angewandt wird. Ich reiße nur einige Stichpunkte an; wer Interesse an diesem Thema hat, kommt um dieses Buch nicht drumherum und sollte es in Gänze lesen. Hilfreiche oder auch notwendige Strategien für das Leben mit einem temperamentvollen Kind sind beispielsweise: negative Etiketten umwandeln, das Kind nicht (mehr) als Problem betrachten, eine konsequente Routine im Alltag, Bewegung und bewusstes Atmen, den Reizpegel im Auge behalten, Hilfestellung bei Themen wie Schlafen und Essen, die sehr viel Selbstregulation (die oft nicht ausreichend vorhanden ist) erfordern, die Ablehnung neuer Dinge durch spirited children lediglich als erste Reaktion verstehen, nicht als letzte Entscheidung (sondern etwas mehrfach ausprobieren), Überraschungen vermeiden, Zeit für Übergänge geben, die immer problematisch sein werden, vorausschauend agieren, auf ein gleichbleibendes Energieniveau des Kindes achten (Ruhe, Rückzug bei Introvertiertheit versus Geselligkeit bei Extrovertiertheit) etc.

Introvertiert - Extrovertiert

Dem Thema Introversion - Extroversion widmet die Verfasserin ein eigenes Kapitel. Temperamentvolle Kinder sind eben nicht automatisch extro- oder introvertiert, sondern diese Veranlagung kommt dann nochmal zu diesem besonderen Temperament individuell hinzu. Wichtig ist diese Einteilung vor allem dafür, um die Energiequellen des Kindes (oder auch die eigenen) zu erkennen und ernst zu nehmen. Während extrovertierte Menschen ihre Energie im Wesentlichen aus dem Kontakt mit anderen Menschen ziehen (Geselligkeit), brauchen introvertierte Menschen Ruhe, Rückzug und das Alleinsein, um aufzutanken und ihren Energiespeicher zu füllen. Für Eltern temperamentvoller Kinder ist es essentiell, auf die Bedürfnisse ihres Kindes nach entweder Gesellschaft oder Rückzug einzugehen und Unterstützung im Erkennen und Wahrnehmen dieses Bedürfnisses zu geben. Bei introvertierten Kindern kann sich fehlende Ruhe beispielsweise in Aggressionen und Wut äußern: "Das nicht erkannte Bedürfnis nach Zeit für sich allein ist einer der Hauptgründe dafür, dass temperamentvolle Kinder ausrasten, mit ihren Geschwistern streiten oder garstig werden." (S.116) Eine sehr hilfreiche Erkenntnis, finde ich, und nicht nur auf's Kind, sondern auch auf introvertierte Erwachsene anwendbar. Bei meinem Sohn und mir trifft das jedenfalls gleichermaßen zu. Deshalb ist es essentiell wichtig, den Energiebedarf des Kindes zu beachten und einzuplanen (S. 117). Dadurch lernt es auch, selbst darauf zu achten und Strategien zum Halten eines guten Energieniveaus im Leben zu entwickeln.

Absolut deutlich wird im ganzen Buch, dass das Zusammenleben mit einem temperamentvollen Kind nicht nur das Erkennen der Individualität des Kindes bedeutet, sondern vor allem auch die Weiterentwicklung von sich selbst als Elternteil eines solchen herausfordernden Kindes. Ob es nun um das Energieniveau geht oder um den Umgang mit den eigenen intensiven Emotionen, die eigene Selbstregulation oder Konfliktfähigkeit - immer geht damit einher, sich selbst zu hinterfragen und ggf. zu verändern. Denn: "Durch eine Veränderung Ihrer Reaktion können Sie die Reaktion Ihres Kindes wirklich verwandeln." (S. 154) Für uns Erwachsene ist das oft sehr schwierig, da in den meisten Fällen niemand auf unsere speziellen Bedürfnisse als Kind eingegangen ist und uns niemand gecoacht hat, damit wir gut auf uns achten und unsere Bedürfnisse erkennen und artikulieren. So kann uns das Wesen, die Reaktionen unseres temperamentvollen Kindes manchmal triggern, da wir uns selbst sozusagen auf der gleichen Stufe befinden, wenn wir ein ähnliches Temperament haben. In solch einem Fall ist die Teamwork zwischen zwei Elternteilen sehr wichtig, damit sich zwei ähnlich tickende, gefühlsstarke Menschen, Kind und Elternteil, nicht noch gegenseitig potenzieren. Und da es sehr wahrscheinlich ist, dass mindestens EIN Elternteil eines temperamentvollen Kindes ebenfalls so ist, kann das Zusammenleben nochmal schwieriger sein.

Schlafen, Essen, Anziehen, Schule

Die Themen Schlaf, Mahlzeiten und Anziehen können riesige Hürden und der Quell stetiger Auseinandersetzungen im Familienleben sein. Dafür gibt Kurcinka sehr gute und einleuchtende Anregungen, die ich aus meiner eigenen Erfahrung mit einem solchen Kind nur bestätigen kann. Als ich beispielsweise verstanden hatte, dass mein Kind intensive Unterstützung beim Einschlafen benötigt, weil "es [nicht] so [ist], dass diese Kinder nicht schlafen wollen, sondern dass sie nicht schlafen können" (S. 405), konnte ich aktiv dafür sorgen, dass er rechtzeitig, nämlich vor kompletter Überreizung, seine dringend benötigte Erholungszeit bekommt. Auch beim Thema Essen muss man unter Umständen seine Vorstellungen und Erwartungen über Bord werfen. Viele Zwischensnacks, um das Energieniveau des Körpers zu halten, sind bei temperamentvollen Kindern nötig. Ich habe selbst bei kurzen Ausflügen immer etwas zu essen dabei, um eine Unterzuckerung des Kindes und damit einhergehende Wutanfälle zu vermeiden. Damit treffe ich immer wieder auf das Unverständnis anderer Eltern. Auch die anderen Tipps in punkto Mahlzeiten sind sehr hilfreich. Das Thema Anziehen ist zumindest bei uns eines der letzten täglich schwierigen Themen geblieben; wir haben dafür noch keine funktionierende Lösung gefunden, auch wenn Kurcinka hier ebenfalls viele gute Ansätze nennt.

Zum Schluss gibt es noch ein Kapitel zur Schule, das mich bestätigte, in Vorbereitung auf die Schule aus der Erfahrung mit meinem Sohn heraus vieles richtig beachtet zu haben, was andere Eltern für überflüssig oder unverständlich hielten.

Fazit

Die Autorin verspricht nicht, dass es zukünftig immer konfliktlos oder unanstrengend mit unseren spirited children sein wird. Aber es wird immer einfacher, je mehr man das Kind (und sich selbst) kennenlernt und sich aufeinander einstellt. Wo dies nicht ohne Weiteres intuitiv klappt, sind die Erkenntnisse, Ratschläge und Hilfestellungen von Kurcinka absolut horizonterweiternd, anregend und bereichernd. Das Buch war für mich ein Augenöffner im Umgang mit meinem Sohn; sicherlich hat sich im Laufe der vergangenen fast 7 Jahre sehr vieles eingespielt und wir können viel besser auf ihn eingehen als anfangs, aber all dies geballt und zusammengefasst zu lesen, war wirklich wie eine Offenbarung für mich. Jeder, der sein Kind in den Charakteristika erkennt, sollte dieses Buch lesen! Und sich bitte nicht vom unpassenden Titel abschrecken lassen.

Für manche Eltern, die Kinder haben, die sich von Anfang an sehr gut selbst regulieren können, mögen einige Ansätze von Kurcinka als übergriffig, altmodisch oder unnötig erscheinen. Immerhin geht es im Wesentlichen darum, dass die von ihr beschriebenen Kinder in allen ihren Angelegenheiten von uns gecoacht werden müssen, um Fähigkeiten zur Selbstregulation, Selbstfürsorge und Selbsterkenntnis zu entwickeln. Sie spricht z.B. von klaren, aber transparenten Grenzen (S. 258) und unmissverständlichen Anweisungen (S. 306), die bei solchen Kindern nötig sind. Das ist für uns bedürfnisorientierte Eltern schwer zu akzeptieren, denn es triggert und erinnert an die eigene Erziehung. Man stellt allerdings fest, dass diese Kinder tatsächlich einen sehr klaren Rahmen und eine feste Struktur brauchen und vor allem, dass sie (noch) nicht gut auf sich selbst achten können, sondern dafür Unterstützung benötigen. Dieses Buch ist wie kein anderes dafür da, den Eltern solcher Kinder Erkenntnisse über ihr besonderes Kind und Hilfestellungen im Umgang mit ihm zu vermitteln. Es geht um's gemeinsame Wachsen, um das Finden von Lösungen und Lernen von Strategien. Es geht um unsere besonderen, gefühlsstarken, temperamentvollen, intensiven, fordernden, sensiblen Kinder. Und nicht zuletzt auch um uns als Eltern. 

Absolute Leseempfehlung!


Die Eckdaten:
Dr. Mary Sheedy Kurcinka: Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden. Der Erziehungsratgeber für besonders geforderte Eltern*, mvgverlag, Oktober 2017, 592 Seiten, ISBN 978-3868828641, € 19,99

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