Mittwoch, 4. Oktober 2017

"Die entspannte Familie" - gibt es dafür ein Patentrezept? (Rezension)

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das mich sehr interessierte, weshalb ich es mir als Rezensionsexemplar bestellte, das aber insgesamt ein zwiespältiges Gefühl bei mir hinterlassen hat. Es handelt sich um "Die entspannte Familie"* von Simone Kriebs aus dem Gütersloher Verlagshaus, erschienen im Februar 2017. Da ich uns als Familie nicht unbedingt als entspannt bezeichnen würde, war und bin ich sehr erpicht darauf, vielleicht Tipps und Strategien zu bekommen, wie man das Familienleben entzerren und insgesamt harmonischer gestalten kann. Und vor allem dafür, wie wir Eltern vielleicht manchmal etwas weniger genervt und angespannt agieren können, wenn wir selbst am Limit sind. Denn bei uns schaukeln sich negative Gefühle schnell hoch und potenzieren sich, weil wir uns alle nicht gut abgrenzen und unsere Bedürfnisse nicht konstruktiv äußern können. Das ist ungut und ich würde gern einen anderen Weg finden, damit umzugehen.

Das Inhaltsverzeichnis mit den interessanten Kapitelüberschriften und die Einleitung wecken auf jeden Fall Interesse und lassen auf spannende Anregungen hoffen. Die Grundannahmen des Buches orientieren sich an Jesper Juul: Gleichwürdigkeit, Authentizität, Respekt, Integrität. Die Autorin hält dazu an, sich mit der eigenen inneren Haltung auseinanderzusetzen: "Ich glaube, dass ein respektvolles Miteinander in einer Familie sich nur entwickeln kann, wenn die Erwachsenen bereit sind, sich mit ihren unbewussten 'Programmen' zum Thema Erziehung auseinanderzusetzen." (S. 9) Dem stimme ich absolut zu, aber einfach ist das natürlich nicht und zwei verschiedene Elternteile werden das möglicherweise in sehr unterschiedlichem Maße bewerkstelligen. Doch ist es zu Recht einer der wichtigsten Ansatzpunkte für eine entspanntere Familie.

Dazu gehört beispielsweise, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen und dadurch unseren Kindern den konstruktiven Umgang mit Emotionen vorzuleben. Das stärkt sie und vermittelt Strategien, um Lösungen für Konflikte zu suchen und zu finden. Das Vorleben durch die Eltern ist dafür elementar. Allerdings weckten schon hier einige Aussagen meinen Widerstand, z.B.: "Jedoch hat die genetische Anlage der Gefühle wenig Einfluss darauf, wie wir mit unseren Emotionen umgehen. Wie Gefühle gezeigt werden, ist Teil unserer Sozialisation." (S. 41) Das halte ich nur bedingt für richtig, denn unterschiedliche Persönlichkeiten, die identisch sozialisiert wurden (wie Geschwister) äußern ihre Gefühle meist auch sehr verschieden. Der eine trägt sie auf der Zunge, der andere braucht lange, um aufzutauen, ein dritter sorgt sich mehr um die Gefühle anderer als um die eigenen.

Bei meinen Kindern und anderen Geschwistern sehe ich tagtäglich, dass das Vorbild der Eltern nur marginal Einfluss auf die Art und Weise hat, wie Gefühle geäußert und verarbeitet werden. Das ist mehr oder weniger Veranlagungssache, mit kleinen Einflussmöglichkeiten seitens der Eltern. Es stimmt meiner Meinung nach nicht, dass Kinder so reagieren werden, wie sie sich das von den Eltern abschauen. Solche verallgemeinerten Aussagen wecken immer Widerspruch in mir, und davon gibt es in dem Buch noch einige mehr. Dabei erwähnt die Autorin selbst auf S. 56f. die Unterschiedlichkeit und Individualität von Geschwistern. Generell habe ich des öfteren beim Lesen des Buches mit dem Kopf geschüttelt oder ein "Nein!" an den Rand geschrieben, besonders bei Aussagen wie: "Sind die Eltern entspannt, treffen wir auch auf entspannte Kinder!" (S. 142) Das ist nicht nur falsch, sondern triggert und weckt Schuldgefühle. Keiner, der einen Erziehungsratgeber schreibt, sollte mit solchen unreflektierten Aussagen um sich werfen.

Welches sind denn nun die Ansatzpunkte für eine entspannte Familie? Die Autorin nennt viele kleine Bausteine, die dazu beitragen können, dass sich Eltern und Kinder besser verstehen, Konflikte konstruktiv und liebevoll gelöst werden und jeder sich gesehen fühlt. Es geht um Respekt, Gefühle erkennen und benennen, Selbstvertrauen stärken, Autonomie und Verantwortung, Grenzen achten, Authentizität, Selbstfürsorge von Eltern, Gelassenheit und Zeit. Alles keine bahnbrechenden Ansätze, alles gut bekannt, wenn man einige Bücher von Jesper Juul und anderen gelesen hat. Sehr viel Wert legt die Autorin zu Recht auf das Erkennen alter erlernter Erziehungsmuster, die die Beziehung zu unseren Kindern erschweren: "In Momenten, in denen Eltern nicht weiterwissen, greifen sie gerne auf Verhaltensweisen zurück, die sie eigentlich für sich ablehnen." (S. 84) Es braucht Kraft, Disziplin und Selbsterkenntnis, aus solchen Mustern auszusteigen und neue Wege zu beschreiten, die nichts mit den erlernten oder selbst erfahrenen Wegen zu tun haben. Aber es lohnt sich und bringt Entspannung in der Familie mit sich (allerdings nur, wenn der andere Elternteil diesen Weg mitgeht; ansonsten gibt es eher noch mehr Konflikte. Anm. von mir).

Bereichernd fand ich folgende Aussage, die direkt damit zu tun hat: "Dagegen kann es für die ganze Familie entspannend wirken, wenn die Erwachsenen ihre eigenen Muster erkennen, mit denen sie bestimmte Verhaltensweisen beim Kind stabilisieren." (S. 87) Sie schlägt vor, in angespannten Situationen bewusst anders zu reagieren bzw. zu handeln als bisher (als es die Kinder kennen) und dadurch eine unerwartete Gegenreaktion oder bestenfalls Befriedung der Situation auszulösen. "Denn wenn einer das Muster verändert, passt auch nicht mehr das Muster der anderen." (S. 88) Auch sollten Eltern ihren Kindern die Möglichkeit geben, Selbstregulierung und Stressresistenz zu lernen, anstatt alles Unbequeme für sie aus dem Weg zu räumen. Dass aber auch dies von individuellen Voraussetzungen abhängt und in sehr unterschiedlichem Maße und Tempo voranschreiten kann, wird nicht erwähnt. Stattdessen kam mir das Buch streckenweise wie ein Ratgeber der Sorte "Drücke Knöpfchen A, dann passiert folgendes...!" vor. Auf solche Vereinfachungen reagiere ich nicht nur grundsätzlich, sondern auch aus meiner Erfahrung heraus allergisch.

Im letzten Teil gibt es noch einige Gedanken zum Thema Schule, das ja für mich seit der Einschulung meines Großen nun auch relevant ist. Durch den zunehmenden Leistungs- und Zeitdruck können neue und stärkere Konflikte in Familien aufbrechen und zum Teil somatische Beschwerden bei Kindern entstehen, wenn sie ihre Gefühle unterdrücken müssen. Es ist wichtig, Kinder einfühlsam und verständnisvoll durch schwierige Phasen zu begleiten. Manchmal muss man auch unkonventionelle Wege gehen, zum Wohle des Kindes. So berichtet die Autorin, dass eine Mutter, deren Sohn immer wieder über Bauchschmerzen klagte, wenn der schulische Druck zu hoch wurde, einen Weg fand, ihrem Sohn entgegenzukommen, ohne dass er eine körperliche Symptomatik entwickeln musste: sie schenkte ihm Gutscheine für 3 Zuhause-Tage pro Halbjahr, die er unter bestimmten Bedingungen einlösen konnte. Manchmal muss man auch solche unkonventionellen Lösungen finden, wenn es dem Wohlbefinden eines Familienmitgliedes und damit einer entspannten Familie dient.

Insgesamt hatte ich beim Lesen des Buches sehr zwiespältige Gefühle. Mit den Juulschen Grundannahmen stimme ich absolut überein, aber viele pauschalisierende Aussagen des Buches riefen Widerstand in mir hervor. Erziehung bzw. Beziehung zu Kindern ist eine komplexe Aufgabe, an der alle beteiligten Seiten arbeiten und wachsen müssen. Es gibt kein Schema F, was bei allen funktioniert, es gibt immer wieder Überraschungen, neue komplexe Situationen und vor allem individuell verschiedene Voraussetzungen. Dessen wird mir zu wenig Rechnung getragen. Ansonsten gibt es hilfreiche Ansätze, die besonders für Eltern interessant sein können, die sich noch wenig mit Prinzipien wie Gleichwürdigkeit, Authentizität und Integrität beschäftigt haben.

Fazit: Eine entspannte Familie möchte sicherlich jeder haben, aber es gibt dafür kein Patentrezept!

Die Eckdaten:
Simone Kriebs: Die entspannte Familie. Wie man aus einer Mücke keinen Elefanten macht*, Gütersloher Verlagshaus, Februar 2017, 224 Seiten, ISBN 978-3579086668, € 17,99


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