Samstag, 18. November 2017

Angst vor der eigenen Endlichkeit

Ich habe Momente, da falle ich in ein schwarzes Loch. Alles dreht sich, ich habe Todesangst, ich werde mir der Endlichkeit des Lebens zutiefst bewusst und das versetzt mich in eine solche Panik, dass ich zittere, die Luft anhalte und erstarre. Das Herz rast. Es sind Momente, wo ich Dinge begreife, die das menschliche Gehirn eigentlich nicht begreifen kann. Die Unendlichkeit des Universums zum Beispiel und vor allem die Gewissheit des eigenen Todes, die Auslöschung meiner Person und die Weiterexistenz der Welt ohne mich. Dinge, die man sich eigentlich nicht vorstellen kann und deshalb verdrängt, werden plötzlich begreifbar und kreisen glasklar in meinem Verstand. Es ist unerträglich und ich bin nach solchen Attacken immer fix und fertig.

Sie halten relativ kurz an, nur ein paar Minuten, und danach ist alles wieder beim Alten. Während man im normalen Alltagsleben theoretisch weiß, dass man sterben muss wie alle Menschen auch, das Leben der anderen weitergeht und man innerhalb kurzer Zeit vergessen ist, kommt in solchen Momenten das Begreifen mit aller Macht und Ausweglosigkeit und stürzt mich ins Bodenlose, ins Schwarze, ins Unerträgliche. Ich begreife dann das eigentlich Unbegreifliche, und das ist furchtbar, schmerzhaft und grauenhaft. Es ist, als würde die normale Beschränktheit des menschlichen Verstandes für einen kurzen Moment ausgehebelt und man erhält Anteil am "Weltgehirn". Es fühlt sich an, als würde man gleichzeitig verrückt und allweise werden. Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Es ist panik- und angsteinflößend und gleichzeitig faszinierend.

Ich hatte diese Momente schon früher. Zwar weiß ich nicht mehr, wann es angefangen hat, aber seit meinen frühen Zwanzigern erinnere ich mich daran. Ein anthroposophischer Freund hat damals immer gesagt, als ich ihm das erzählte: "Das ist die Erfahrung des Nichts." Früher fühlte ich mich noch ausgelieferter und verwirrter, mittlerweile weiß ich auch mitten in diesen Momenten, dass sie bald vorüber gehen. Die Intensität ist geblieben und die Häufigkeit sogar angestiegen, je älter ich werde. Es sind keine konkreten Auslöser erkennbar, auch wenn neuerdings immer öfter beim Anblick von alten Menschen das Bewusstsein der Vergänglichkeit hochkommt. Trotzdem falle ich dabei selten in diese "Attacken" hinein. Sie treten unvorhersehbar tags, nachts, in jeder Situation auf, manchmal wochenlang gar nicht, dann wieder öfter. Ein gewisser Ruhezustand ist Voraussetzung dafür, und kurioserweise hat die Häufigkeit zugenommen, obwohl ich selten Ruhe und Muße habe. Ich habe keinen Einfluss darauf und kann in den Momenten auch nichts tun, damit sie aufhören.

Ich vermute, dass es sowas wie Panikattacken sind, allerdings geht es darin nicht um die Angst, irgendetwas im Leben nicht bewältigen zu können, sondern schon immer nur um die Endlichkeit meiner Existenz, die räumliche Unendlichkeit des Universums und gleichzeitig seine zeitliche Endlichkeit, verbunden mit den Fragen: was war davor, was kommt danach? Wobei ich die Vorstellung, dass es eine lange Geschichte vor mir gegeben hat, nicht ganz so unvorstellbar finde wie die Tatsache, dass es nach mir einfach so weitergehen wird. Das klingt vielleicht narzisstisch, aber ich empfinde das in diesen Momenten ganz existenziell. Die Erkenntnis der Vergänglichkeit schneidet wie ein Blitz durch meinen Körper.

Quelle: Pixabay

Die Kinder als Trost?

Man hat früher zu mir gesagt, dass es besser werden würde, wenn Kinder da sind, weil man dann die Gewissheit hat, sozusagen in den Kindern weiterzuleben und etwas von sich selbst auf der Erde zu hinterlassen. Besser geworden ist es nicht, seit ich Kinder habe, im Gegenteil, die eigene Endlichkeit ist mir noch stärker bewusst geworden und die Angst vor dem Ende noch intensiver. In den letzten Jahren haben wir meine Schwiegereltern beerdigt. Ich habe gesehen, wie schnell alles, was ein Leben ausgemacht hat, entsorgt und vergessen ist, und während es Menschen gibt, denen das nichts bedeutet, finde ich das ganz schrecklich. Ich sehe, wie die Jahreszeiten und Geburtstage vergehen, und all das führt näher ans Ende. Besonders der Herbst und Winter werden von Jahr zu Jahr immer schwerer für mich zu ertragen. Ich sehe, dass ich seit fast 7 Jahren und noch ca. 14 weitere Jahre nicht so oder nur eingeschränkt leben kann, wie ich eigentlich gern möchte. Ich sehe, wie meine Eltern und Verwandten älter werden, das Verhältnis immer schwieriger wird und die Familien auseinanderfallen, seit die Großelterngeneration nicht mehr da ist. Ich sehe, wie schnell alles in Vergessenheit gerät. Ich merke, wie schnell ich selbst vergesse.

All das macht mir ehrlich gesagt große Angst. Einerseits lebe ich zwar in den Kindern weiter, andererseits erinnern sie mich aber auch mehr als je zuvor an mein eigenes Ende. Das ist schmerzhaft und manchmal auch schon mit dem normalen Bewusstsein kaum auszuhalten. In den schwarzen Momenten ist das unmöglich. Die Existenz der Kinder hat darauf keinerlei Auswirkung, weder ist sie ein Trost noch kann sie solche Momente verhindern. Eher hat sie sie noch verstärkt. Das ist insofern merkwürdig, weil mein Empfinden sonst generell weniger tief geworden ist, seit ich die Kinder habe.

Im Sturm "Xavier", der Anfang Oktober über Norddeutschland tobte, ist eine Frau ums Leben gekommen, die ich persönlich kannte. Es ist schon viele Jahre her, seit sich unsere Wege beruflich kreuzten, und wir haben kaum mehr als ein paar Worte gewechselt. Trotzdem fühlte sich dieser Tod für mich anders an als sonstige unpersönliche Todesfälle, und die Irrationalität eines solch verfrühten Lebensendes trat besonders deutlich zum Vorschein. Das hat mich stark beschäftigt und lässt mich bis heute nicht los. Sie war nur ein Jahrzehnt älter als ich, als ein dummer Zufall, anders kann man es nicht nennen, während des Sturms ihr Leben auslöschte. Es ist unbegreiflich und führte mir die eigene Endlichkeit und besonders auch die potentielle Plötzlichkeit des Endes hart vor Augen. Ich ringe streckenweise stark mit dem Thema und nein, meine Kinder sind mir dabei kein Trost. Das eine hat mit dem anderen für mich überhaupt nichts zu tun.

Ungefähr die Hälfte meines Lebens ist vorbei. Die zweite Hälfte vergeht bekanntlich immer schneller. Und obwohl ich mir wünsche, dass die Kinder älter werden und ich dadurch wieder etwas freier leben kann, habe ich gleichzeitig Angst davor, denn mit dem Älterwerden der Kinder vergeht mein eigenes Leben. Diese Ambivalenz ist schwer auszuhalten. Ich möchte sie ja gern noch lange begleiten und sehen, wie sie ihr Leben gestalten. Andere, leichtere Gemüter als ich würden jetzt sagen: "Ach was, genieße einfach jeden Moment deines Alltags, damit du weißt, du hast dein Leben gut gelebt." So simpel ist das aber für mich nicht und wird es auch nie werden. Aber auch das gehört zu meiner Existenz dazu. Vielleicht kommt dieses Gefühl, wenn das Hamsterrad des Alltags etwas nachlässt. Was aber nichts an der Unausweichlichkeit des Endes ändert. Wir müssen alle mit dieser Perspektive leben. Der eine verdrängt, dem anderen gelingt das nicht. Ich gehöre zu Letzteren, schon immer. Daran hat die Mutterschaft nichts geändert. Und bei euch?

Kommentare:

  1. Wow, das ist schwere Kost. Aber so nachvollziehbar. Danke für Deine Ehrlichkeit. Oft wird das Thema im wahrsten Sinne totgeschwiegen. Der Mensch ist einfach unglaublich gut im Verdrängen.
    Sofern es Dich stört oder in Deinem Leben irgendwie abhält: Hast Du schon mal überlegt mit einem Experten darüber zu sprechen?
    Liebe Grüße,
    Diana

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    1. Nein, es beeinträchtigt mich eigentlich nicht, da es nur kurze Momente sind und ich danach genauso weiter mache wie vorher. Anders wäre es, wenn ich quasi handlungsunfähig würde. Ist aber nicht der Fall. Dennoch einschneidend und unbegreiflich. Ich verdränge ja selbst auch sehr oft. Anders könnte man gar nicht leben.
      Liebe Grüße!

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  2. Ich kenne solche Gedankenspiralen auch. Ich hatte das schon als Kind, oft vor dem Einschlafen. Allerdings fand ich sie nie so beängstigend wie du sie beschreibst. Eher unheimlich und faszinierend zugleich. Über das Älterwerden mag ich jetzt noch gar nicht so viel nachdenken. Da bekomme ich nur das Gefühl, dass ich in einem Leben gar nicht alle meine Träume und Vorhaben umsetzen kann. Das kann ich bisher noch ganz gut verdrängen. Dass meine Kinder irgendwann ohne mich weiterleben werden, finde ich auch eher schmerzlich als dass es mich tröstet. Aber nun ja, so ist wohl der Lauf der Dinge.

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    1. Vielleicht liegt es auch an meinem Alter. Ich sehe halt, dass die Hälfte des Lebens schon vorbei ist. Das war mit Anfang/Mitte 30 natürlich noch nicht so. Ich denke auch an all das, was ich noch machen will und dass ich das unter den gegebenen Umständen niemals schaffe. Meine Kinder sind noch so klein und ich bin schon so alt. All diese Gedanken habe ich auch. Aber die schwarzen Momente sind anders, unmittelbarer, grausamer, deutlicher. Zum Glück nur kurz. Und dann geht der Alltag weiter.
      Mir fiel gerade ein: als Kind hatte ich kurz vor'm Einschlafen oft das Gefühl, ich schwebe im Raum...
      Liebe Grüße!

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  3. Ich kenne diese Gedanken ganz genau so, wie du sie beschreibst. Herzrasen, absolute Panik. Das ist das erste Mal, dass ich davon lese, dass es noch jemandem so geht - beruhigend, zu wissen.
    Bei mir tritt dieses Bewusstsein der eigenen Endlichkeit meist plötzlich auf, wenn ich nachts wach liege, sehr selten tagsüber. Ich wecke dann sogar meinen Mann auf, damit er mich in den Arm nimmt, weil ich sonst vor lauter Angst nicht weiterschlafen kann...
    Liebe Grüße, Irin

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    1. Vielleicht gibt es ja doch viele Menschen, denen es so geht? Man spricht nur nicht darüber. Ich drücke Dich mal virtuell, das ist echt sehr verstörend. Zum Glück nur kurz. Schön, dass Du Verständnis bekommst!
      Liebe Grüße!

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  4. In ähnlichem Alter, und auch nach dem Tod der Schwiegereltern, quälten mich auch immer wieder Panikattacken. So ganz aus heiterem Himmel. Die Thematik war nicht ganz dieselbe, sie hatte viel mit Schuldgefühlen und Angst vor Kontrollverlust zu tun. Und Alpträume. Oft mit stundenlanger Nachwirkung. Irgendwann sprach ich dann meinen Hausarzt darauf an.Er überwies mich dann an einen guten Facharzt. Ich hatte tatsächlich viel aufzuarbeiten. Vieles hing mit meiner frühesten Kindheit zusammen. Die Beziehung zu meiner Mutter wurde entlastet, da war vorher fast nur Angst.Mittlerweile geht es mir viel besser, aber ein paar Alpträume verfolgen mich immer mal wieder.

    Liebe Grüße, Cornelia

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    1. Oje, das klingt hart! Gut, dass Du es teilweise bewältigen konntest. Bei mir ist das anders, es geht nicht um Schuldgefühle und es sind auch keine Alpträume. Ich bin auch dadurch nicht beeinträchtigt in meinem Alltag.
      Wahnsinn, was da bei Dir alles hochgekommen ist!
      Liebe Grüße!

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