Freitag, 28. August 2015

Die Angst vor dem zweiten Schreibaby

Als ich im August 2012 mit der Kleinen überraschend schwanger wurde, war meine größte Angst weniger, ob und wie wir das mit 2 Kindern hinkriegen, sondern dass es erneut ein Schreibaby* wird. Zwar hatte von allen Schreibaby-Eltern, die ich persönlich kenne, niemand zwei von der Sorte, aber eine Garantie gibt es natürlich nicht und wie man hier lesen kann, existieren diese Fälle tatsächlich. Das tut mir wahnsinnig leid für die Betroffenen und ich vermag mir nicht vorzustellen, wie man das schafft, noch dazu, wenn das größere Kind noch zuhause ist. Oder das ältere Kind, wie in unserem Fall, ein solch forderndes, anstrengendes Kind ist. Die Feststellung der Autorin des erwähnten Textes, nämlich "Warum sollte das Zweite soviel anders sein als das Erste?" war auch meine größte Befürchtung in der Schwangerschaft mit der Kleinen. An den Mythos des pflegeleichten Babys konnte ich irgendwie nicht mehr glauben, obwohl ich ja um mich herum viele dieser Babys sah. Insgeheim hoffte ich natürlich trotzdem, dass die Kleine anders würde als der Große.

Diese Angst und Ungewissheit zusammen mit dem Wissen um meine Verzweiflung und Überforderung im ersten Babyjahr des Großen war übrigens der wichtigste Grund dafür, dass sich mein Mann für eine Elternzeit von 13 Monaten inklusive Kitaeingewöhnung entschied. Da war nicht mehr die Hoffnung und der Wunsch, eine schöne gemeinsame Elternzeit zu erleben, zu reisen, Ausflüge zu machen und das Baby überall hin mitzunehmen. Diese Vorstellung hatte sich in der Elternzeit mit dem Großen radikal zerschlagen. Da war nur noch die Sorge, dass das zweite Kind genauso anstrengend sein würde und wir ebenso verzweifelt und erschöpft wären wie beim Großen, nur dass wir dann noch ein Kleinkind von gerade mal 2 Jahren zu versorgen hätten. Obwohl ich auch hier wieder nicht auszurottende Gedanken hatte wie "Das muss ich doch allein hinkriegen!" und gegen so eine lange Elternzeit plädierte, setzte mein Mann sich durch. Ich glaube, er wusste, dass weder er selbst noch ich das ohne Hilfe und ohne Schaden an Leib und Seele schaffen würden, schließlich hatten wir niemanden, der mal mit dem Baby spazieren geht, der mal das ältere Kind von der Kita abholt oder im Haushalt hilft. Also setzte sich die Vernunft und Vorsorge gegen jegliche finanziellen und Joberwägungen durch.

Ich weiß nicht, warum, aber als sich herausstellte, dass mein zweites Kind (wie gehofft) ein Mädchen wird, nahm meine Angst bezüglich eines Schreibabys etwas ab. Es wird ja oft behauptet, dass tendenziell mehr Jungen Schreibabys sind als Mädchen, weil das Nervensystem von Jungen noch nicht so ausgebildet ist wie bei Mädchen. Im Netz gibt es dazu widersprechende Aussagen (siehe hier und hier). In meinem privaten Umfeld sind tatsächlich unter den mir bekannten Schreibabys etwas mehr Jungen als Mädchen. In meiner virtuellen Blase dagegen scheinen es mehr Mädchen zu sein. Irgendwie hatte ich immer das rein subjektive Gefühl, Mädchen-Babys sind ausgeglichener als Jungen und deshalb entspannte ich mich ein wenig, als klar war, es wird ein Mädchen. Die Kleine war auch im Bauch bis zum Schluss viel ruhiger als der Große, der immer mit äußerster Vehemenz gegen die Begrenzung gekämpft hatte. Allerdings reagierte sie sehr sensibel darauf, wenn ich mich aufregte oder unruhig war.

Überhaupt war die Schwangerschaft mit ihr durchaus schwieriger und anstrengender gewesen als mit dem Großen. Erst war es die Überraschung, die wir zu verdauen hatten, dann folgten 5-6 sehr mühsame Wochen, mit viel Übelkeit, Müdigkeit, Schwäche und Kraftlosigkeit (was ich in dieser Dimension nicht kannte) und danach verlief die Schwangerschaft zwar medizinisch gesehen problemlos, aber durch das viele Tragen des Großen und diverse emotionale Aufs und Abs fühlte sich alles viel turbulenter an als beim Großen. Dieser hatte gerade erst die Eingewöhnung in seine zweite Kita absolviert (September-Oktober 2012) und ich musste viel Wut, Unausgeglichenheit, körperliche Aggressionen seinerseits auffangen. Glücklicherweise arbeitete ich in dieser Zeit nur einen Tag pro Woche und behielt das auch bis zum Mutterschutz mit der Kleinen (März 2013) bei, so dass ich mich wenigstens auf die Schwangerschaft etwas konzentrieren konnte, als er dann endlich in der Kita gesettelt war. Obwohl ich also rein zeitmäßig mehr Freiraum hatte als in der Schwangerschaft des Großen, die ich ohne eine einzige Krankschreibung bis zum Mutterschutz durcharbeitete, empfand ich die Monate mit der Kleinen im Bauch als unruhiger, belastender und emotional anstrengender. Was aber im Wesentlichen an den Umständen des Lebens mit dem anstrengenden Großen, anderen privaten Gegebenheiten und eben der Angst vor der Wiederholung einer schrecklichen Babyzeit lag.

Trotz dieser als schwieriger empfundenen Schwangerschaft war die Kleine die ersten Monate nach ihrer Geburt im Mai 2013 sehr pflegeleicht und ein richtiges Anfängerbaby. Ich wusste vom ersten Tag an, dass sie kein Schreibaby ist, so wie ich beim Großen von Anfang an wusste, dass er kein pflegeleichtes Baby ist. Sie schlief viel, ließ sich ablegen, war sehr anschmiegsam und körperbetont, ich konnte sie schnell beruhigen, wenn sie schrie, sie benötigte keine Stillmarathons und machte tagsüber wirklich wenig Arbeit. Der Kontrast zur Babyzeit des Großen war riesengroß und wir konnten es gar nicht glauben, dass wir wirklich so ein Glück hatten. So wie wir es beim Großen nicht glauben konnten, dass wir so ein Pech hatten. Sie war genauso, wie ich mir ein Baby vorgestellt hatte. Allerdings brauchte sie unbedingt ihr häusliches Umfeld, um zufrieden und ausgeglichen zu sein. Eine fremde Umgebung oder ein anderer Rhythmus brachten sie sofort durcheinander und dann war sie auch schnell überreizt. Alles in allem konnte man sich aber leicht auf sie einstellen und das Leben mit ihr funktionierte gut. Und vor allem: ich war keine hilflose, überforderte, verzweifelte Mama, sondern sie zeigte mir, dass ich eine kompetente, einfühlsame, wenn auch trotzdem freiheits- und erholungsbedürftige Mama bin. Mit ziemlich genau 6 Monaten stellte sie ihren Schlafrhythmus um und schlief ab dann sogar noch weniger als der Große im gleichen Alter, was zu viel Unzufriedenheit bei ihr und uns führte. Dafür holte sie aber in motorischer und kognitiver Hinsicht alles auf, was sie in den ersten schlafintensiven Monaten "versäumt" hatte und befand sich dann vom Entwicklungsstand her nur ca. 4 Wochen hinter dem Großen (im gleichen Alter). Mit 12 Monaten startete im Mai 2014 ihre Eingewöhnung in die Kita, die mein Mann diesmal übernahm.

Ich bin sehr froh über zwei so unterschiedliche Erfahrungen, nicht nur was die Geburten und die Charaktere der Kinder, sondern auch das erste Babyjahr mit beiden Kindern betrifft, was so verschieden verlief. Meine größte Angst vor dem zweiten Schreibaby hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Die ersten Monate mit der Kleinen waren sogar ausgesprochen paradiesisch, wenn man die mal mehr, mal weniger problematische Entthronung des Großen außen vor lässt. Und was die oft geäußerte Behauptung "problematische Schwangerschaft - problematisches Kind" angeht, so kann ich für mich genau das Gegenteil behaupten. Die Schwangerschaft mit dem Großen war glücklich und intensiv -> schwieriges Kind. Die Schwangerschaft mit der Kleinen habe ich als schwieriger und emotional unruhiger empfunden -> pflegeleichtes Kind. Das ist natürlich kein allgemein gültiger Mechanismus, sondern ganz allein meine individuelle Geschichte, aber ich will damit nur zeigen, dass eben solche Mechanismen, die so oft behauptet werden, nicht zwangsläufig funktionieren. Ich bin der Meinung, dass der Grundcharakter des Kindes schon ganz früh angelegt ist (ohne damit in philosophische oder religiöse Debatten einsteigen zu wollen). Trotzdem ist jede Geschichte logischerweise individuell verschieden.

Mein erstes Kind, der Große, war ein Schreibaby und mein zweites, die Kleine, ein pflegeleichtes Anfängerbaby, zumindest das erste halbe Jahr. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es so war und ich nochmal eine "normale" Babyzeit erleben durfte. Insofern soll meine Geschichte ein Mutmacher sein für alle, die ähnlich schwierige Erfahrungen beim ersten Kind machen mussten. Ich wollte aus diesem Grund kein zweites Kind, doch gerade dieses Kind ist es, was mir jetzt am meisten Kraft gibt. Und den Glauben an eine Geburt und Babyzeit, die auch angenehm verlaufen können, wiedergegeben hat.

Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht, wie habt ihr eure Schwangerschaften empfunden und wie waren dann eure Babys? Gibt es jemanden, der mehrere Schreibabys bekam? Wie habt ihr das gemeistert?

* Ich verwende den Begriff Schreibaby hier der Einfachheit halber. Es sind Babys mit Regulationsstörungen, Kinder mit starken Bedürfnissen (High-Need) oder auch 24-Stunden-Babys. Das untröstliche Schreien ist dabei nur ein Aspekt unter vielen anderen. Die Ursachen können ganz verschiedener Natur sein und sind in vielen Fällen auch gar nicht feststellbar.

Dienstag, 25. August 2015

Veränderungen in der Kita und die Folgen

Dem Großen ging es letzte Woche sehr schlecht. Wir wussten erst überhaupt nicht, was mit ihm los ist. Er spricht ja nicht über Dinge, die ihn bedrücken, auch auf Nachfrage nicht. Die Nachmittage verliefen außer ein Mal noch recht friedlich. Abends zuhause schien dann aber sein Akku komplett leer zu sein. Er zog sich ins Kinderzimmer zurück, verweigerte jegliche Mahlzeit und fing beim geringsten Anlass (z. B. wenn die Kleine weinte) an zu schreien und zu toben. Hielt sich die Ohren zu, schrie, er wolle allein sein und seine Ruhe haben und beruhigte sich ewig nicht mehr. Er ließ niemanden an sich heran, alles war ihm zuviel und er stand komplett neben sich. Er wirkte total verzweifelt und aufgelöst. Es war ganz schlimm für mich zu sehen, zumal ich überhaupt nicht ahnte, was ihn quälte. Die Hilflosigkeit der Schreibabyzeit wiederholte sich. Erst befürchtete ich, dass es Nachwirkungen der Eiterflechte seien. Erst nach Tagen merkten wir, dass er komplett überreizt ist und dringend Zeit und Gelegenheit zum Abschalten braucht. Als mein Mann am Freitag die Bezugserzieherin des Großen darauf ansprach und herausfand, dass er die ganze Woche weder Mittagsschlaf noch Mittagspause in der Kita gemacht hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich grämte mich wahnsinnig, dass ich darauf nicht schon früher gekommen war. Er hatte einfach seine dringend benötigten Pausen nicht bekommen.

Seit August ist er ja in der oberen Etage der Kita, bei den großen Kindern. Dort herrscht ein offenes Konzept vor, es gibt 5 Räume für 50 Kinder und 6 Erzieher. Er ist mit seiner Kerngruppe und seiner Bezugserzieherin komplett nach oben gewechselt, kannte auch die Räumlichkeiten schon sowie die älteren Kinder und Erzieher aus dem Garten sowie gemeinsamen Kitaaktivitäten. Wir wussten, dass zwar oben kein Mittagsschlaf mehr gemacht wird, aber die müden Kinder gefragt werden, ob sie unten bei den Kleinen mit schlafen wollen. Außerdem war ich ganz sicher davon ausgegangen bzw. es war uns so vermittelt worden, dass auch auf der oberen Etage zumindest eine Mittagspause gemacht wird, mit Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten und einer Pause vom anstrengenden Kitatag. Unter diesen Voraussetzungen hatte ich in dem Wechsel eigentlich kein Problem gesehen. Als wir aber mit dem jeden Tag schlimmer überreizten Großen konfrontiert waren, wusste ich, dass ich ihn unbedingt schützen musste.

Am Wochenende versuchte ich, ihm mehrmals kindgerecht zu vermitteln, dass er sich Pausen nehmen und zurückziehen muss, wenn es ihm zuviel wird und er gern mittags in der Kita schlafen kann, wenn er das braucht. Er schläft ja nachts nur ca. 9,5 h und braucht zwar nicht mehr unbedingt einen Tagschlaf, aber dringend eine Pause zum Runterkommen,Verarbeiten und Regenerieren. Wenn er am Wochenende oder im Urlaub mittags nichts schläft, dann achten wir sehr darauf, dass er diese Gelegenheit zum Abschalten hat. Er ist dann zwar abends sehr müde, aber war noch nie so überreizt wie in der letzten Woche.

Gestern bat ich dann auch seine Bezugserzieherin um ein kleines Gespräch und so setzten wir uns heute, bevor ich die Kinder abholte, kurz zusammen. Ich fragte nach den Gewohnheiten auf der oberen Etage und sie bestätigte mir, dass es bisher zu keiner richtigen Ruhepause gekommen war. Gestern und heute haben sie den Großen zum Schlafen hinuntergeschickt, heute habe er das wohl sogar selbst so gewünscht. Gestern und heute war keine Überreizung und Überreaktion zu erkennen. Ich machte deutlich, dass er nicht unbedingt schlafen muss, weil er sonst abends noch später müde ist, und zwar auch gut ohne Mittagsschlaf durchhält, aber unbedingt eine Mittagsruhe braucht. Da er kein Kind ist, das sich diese selbstständig holt, um die Akkus aufzuladen, sondern alle Bewegungen, Geräusche und Reize etc. in sich aufsaugt, müssen wir, d.h. wir Eltern und die Erzieher, ihm dabei helfen, sich diese Pause zu nehmen. Ich bat sie eindrücklich darum, ihn zu unterstützen und dies auch an die anderen Erzieher weiterzutragen. Ich schilderte ihr seinen Zustand in der letzten Woche, seine Schwierigkeiten abzuschalten, die Parallelen zu mir selber und sie erkannte meine und seine Not deutlich. Zum Glück ist sie eine erfahrene Erzieherin und weiß, wie unterschiedlich Kinder sind. Das eine braucht keine Auszeit, das nächste nimmt sie sich selbst und das dritte braucht Hilfe dabei. Der Große gehört zu letzteren Kindern, das war schon als Schreibaby der Fall, als wir ihn sozusagen zum Abschalten durch Schlaf "zwingen" mussten und setzt sich bis heute fort. Ich selbst, da ich genauso gestrickt bin, versuche immer wieder, ihm Strategien zum Abschalten zu vermitteln. In einer neuen, unbekannten Situation wie nach dem Gruppenwechsel allerdings kann er so ein Wissen noch nicht anwenden. Das geht mir ähnlich, ich kann nur in vertrauter Umgebung gut für mich selbst sorgen. All das habe ich ihr vermittelt und sie war wie immer sehr verständnisvoll und lösungsorientiert. Es war ein gutes Gespräch und ich hoffe, dass es jetzt besser läuft.

Irgendwie müssen sie den Spagat hinbekommen zwischen der Tatsache, dass sich jetzt so langsam der Mittagsschlaf ausschleicht (die meisten seiner gleichaltrigen Freunde schlafen schon länger nicht mehr) und einer in dem Alter und von bestimmten Charakteren dringend benötigten Mittagspause. Ich hoffe, dass es sich nun bessert. So wie letzte Woche möchte ich den Großen nicht wieder erleben müssen. Und er selbst würde das auch nicht lange durchhalten. Der Wechsel scheint doch ein größeres Problem als gedacht zu sein. Er ging zwar morgens nie gern in die Kita, aber im Moment ist es besonders schlimm, er will eigentlich immer zuhause bleiben. Das ist traurig, weil er sich dort vor Ort immer wohlfühlt und nachmittags wiederum nicht weg will. Seine Abneigung gegenüber Veränderungen kennen wir ja, aber zur Zeit ist es morgens wirklich extrem schwierig mit ihm.

In solchen Zeiten denken wir mit Schrecken daran, wie das dann erst in der Schule werden soll. Bis dahin sind zwar noch 2 Jahre Zeit und viel Gelegenheit, seine Selbstwahrnehmung und Schutzstrategien zu schulen. Aber das Grundgerüst bleibt natürlich bestehen. Das ist bei mir nicht anders, nur dass mich niemand angeleitet hat, mit meinen Besonderheiten positiv umzugehen. Insofern hat er einen großen Vorsprung vor mir, die sich das alles erst mühselig selbst erarbeiten musste. Ich hoffe, das kommt ihm einst zugute.

Donnerstag, 20. August 2015

Liebe fühlt sich sehr verschieden an

Schon länger will ich über ein Thema schreiben, was nicht leicht zu fassen und zu umreißen ist und leicht misinterpretiert werden kann. Es betrifft meinen unterschiedlichen Zugang zu meinen beiden Kindern. Also weniger die Ähnlichkeiten/ Unterschiede zu mir, die ich in den Kindern entdecke (worüber ich hier ausführlich geschrieben habe und die da natürlich mit hineinspielen), sondern vielmehr die damit verbundenen Gefühle bei mir und wie sich dies im Alltag bemerkbar macht. Viele sagen ja immer: "Ich liebe meine Kinder gleich." Dazu möchte ich sagen: "Aber diese Liebe fühlt sich bei mir völlig verschieden an." Verschieden leicht oder schwer, verschieden kompliziert oder unkompliziert, verschieden arbeitsintensiv oder fließend.

So, wie es auch zwischen Erwachsenen Beziehungen gibt, die von Grund auf leichtgängiger, symbiotischer und einträchtiger funktionieren und andere, deren Protagonisten sich aneinander reiben, miteinander Konflikte austragen und dadurch miteinander wachsen, existieren auch in der Eltern-Kind-Beziehung Konstellationen, die intuitiver und andere, die konfliktreicher und arbeitsintensiver sind. Es gibt einfach Menschen unter jenen, die man nett findet und gern hat, mit denen man sich intuitiv versteht, mit denen man eine gemeinsame Basis hat oder denen man sich nahe fühlt. Und andere wiederum, die man mag, wo aber irgendwie kein emotionaler Zugang entsteht oder dieser Zugang enormes Engagement erfordert oder ein Zugang da ist, dieser aber großen Schwankungen ausgesetzt ist und auch viel emotionale Arbeit braucht. Ich denke, das kann man genauso auf Eltern-Kind-Beziehungen übertragen.

In diesem Interview über ihre postnatalen Depressionen schreibt Christine von Villa Schaukelpferd:
"Ich kann heute fühlen, was für ein toller Junge mein Sohn ist, auch wenn sich die Mutter-Sohn-Beziehung zu meinem zweiten Sohn anders anfühlt. Es „fließt“ einfach besser zwischen meinem Jüngsten und mir. Vielleicht liegt das aber auch an den unterschiedlichen Charakteren und Temperamenten der Kinder. Trotzdem habe ich inzwischen beide Kinder „gleich lieb“ und wüsste (im Gegensatz zu früher) nicht mehr, wen ich aus dem brennenden Haus retten würde, wenn ich mich für Einen entscheiden müsste."

Der Ausdruck "es fließt einfach besser" beschreibt sehr schön, was ich meine. Vielleicht versteht man ein Kind besser, vielleicht fühlt man sich ihm wesensmäßig näher, vielleicht tritt das Kind einem anders entgegen als das Geschwisterkind. All dies spielt in so ein Gefühl mit hinein. Auf mich und meine Kinder bezogen, fühlt es sich so an, dass es zwischen der Kleinen und mir mehr "fließt" als zwischen dem Großen und mir, obwohl er mir in einigen Grundcharakteristika sehr ähnlich ist. Die Beziehung zu ihm ist ungleich anstrengender, konfliktreicher, arbeitsaufwendiger und oft auch schmerzhafter als die zur Kleinen. Außerdem hatten wir ja massive Anfangsschwierigkeiten mit ihm, so dass also auch noch eine als negativ erinnerte Geschichte in die Beziehung mit hineinspielt. Genau das schweißt uns aber auch zusammen. Andererseits muss ich auch feststellen, dass das Leben mit dem Großen mich weitaus mehr über mich gelehrt hat als es mit der Kleinen je möglich gewesen wäre. Durch ihn habe ich mich selbst besser kennengelernt, meine Grenzen, meine Hochsensibilität, meine Problembereiche. Er stellt mich immer wieder auf die Probe und fordert viel, manchmal zu viel, von mir. Die Beziehung zu ihm ist harte Arbeit für mich. Gerade der Widerspruch, dass er mir in einigen Bereichen wie seiner vermutlichen Hochsensibilität und seinem autonomen Wesen so ähnlich, in anderen Aspekten wie seinen kognitiven Fähigkeiten dagegen wiederum komplett gegensätzlich ist, bereitet mir oft Schwierigkeiten und Kopfzerbrechen. Über ihn denke ich sicherlich zehnmal mehr nach als über die Kleine. Wir sprechen viel öfter über ihn als über sie. Wir machen uns viel mehr Gedanken über seine Zukunft als über die der Kleinen. Auch hier auf dem Blog schreibe ich viel mehr über ihn als über sie. Das fühlt sich manchmal merkwürdig an, ist aber einfach der Tatsache geschuldet, dass er viel mehr mit sich und seinem Leben zu kämpfen hat als die Kleine. Ich will und muss ihn ja auch darin unterstützen, einen gesunden Weg zu finden.

Die Liebe zu solch einem Menschen/ Kind ist nicht einfach, nicht geradlinig, nicht unbeschwert, sondern Schwankungen unterworfen, kräftezehrend und sehr arbeitsintensiv. An Tagen, an denen man sich als Fußabtreter benutzt fühlt (von der Kleinen habe ich mich noch nicht einen Tag ihres Lebens als Fußabtreter benutzt gefühlt), ist es schwerer, eine unkritische Liebe zu fühlen. An Tagen, wo er zugänglich, ausgeglichen und anschmiegsam ist, ist dies einfacher. Und ich meine weiß Gott keine simple Rechnung wie "Ist er lieb und kooperativ, habe ich ihn gern", nein nein, aber ich vermisse oft, dass er zumindest emotional anerkennt, wieviel von meiner Seele ich für ihn hergebe. Mein Mitfühlen und Mitleiden ist für ihn noch ausgeprägter als für die Kleine. Ich fühle seine Zerrissenheit, ich fühle seine Verzweiflung, ich fühle sein Aufbegehren und zeige ihm das auch. Ich gebe ihm alles, was ich geben kann, aber es scheint nie genug zu sein. Mitfühlen und Mitleiden ist auch ein großer Bestandteil von Liebe, genauso wie Erkenntnis des anderen und Hilfe beim Finden des eigenen Weges. Das sehe ich als meine Aufgabe an. Ich denke tatsächlich, dass er meine größte Lebensaufgabe ist, die ich angenommen habe, mit der ich aber auch oft hadere. All das macht meine Liebe für ihn aus. Es ist keine simple, intuitiv funktionierende Beziehung, auch wenn man dies aufgrund der Ähnlichkeiten vielleicht erwarten würde. Auch ich selbst muss mich von dieser Erwartungshaltung immer wieder lösen.

Meine Beziehung zur Kleinen ist ganz anders. Für mich ist es eine intuitive Beziehung. Wir hatten einen wunderschönen gemeinsamen Start, sie hat also unbelastet und nicht traumatisch begonnen. Die Kleine hat von Anfang an in Symbiose mit mir gelebt. Sie ist unheimlich anschmiegsam, zeigt ihre Zuneigung und macht es uns leicht, sie zu lieben. Sie ist mir in ihrer Fröhlichkeit, ihrer Unbeschwertheit, ihrem Schelm, ihrem unkomplizierten Wesen eigentlich überhaupt nicht ähnlich. Und dennoch ähnelt sie mir in vielen Aspekten, die erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind bzw. erst durch den Erwerb der Sprache zum Vorschein traten. Ich sage immer, ihr Gehirn funktioniert wie meins, sie denkt wie ich, sie erkennt Zusammenhänge, sie ist vorausschauend, sie ist schnell, sie ist unglaublich empathisch und einfühlsam und willensstark, aber umgänglich. Die Beziehung zu ihr ist keine harte Arbeit, kein täglicher Kampf, im Gegenteil: es "fließt" zwischen uns, um die Worte vom Anfang wieder aufzugreifen. Sie zeigt und sagt mir, dass ich eine tolle Mama bin und dass sie mich lieb hat, und ich im Gegenzug ebenfalls. Wir reiben uns nicht aneinander, wir schwingen miteinander. So einfach und wunderschön ist es mit ihr. Ich bin gespannt, ob und wie sich das im Laufe der nächsten Jahre verändern wird. Hätte ich nur sie gehabt, hätte ich wohl niemals die Dinge über mich herausgefunden, die mir jetzt mein eigenes Dasein erleichtern. Es wäre aber deutlich weniger schmerzhaft gewesen.

Insofern fühlt sich die Liebe zu meinen beiden Kindern durchaus sehr unterschiedlich an. Das heißt nicht, dass die Liebe zu einem Kind stärker ist. Aber ich fühle sie anders. Das eine ist eine klare, gleichbleibende, intuitive, unbeschwerte und auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe, die auch deutlich gezeigt wird. Das andere ist eine schwierige, Schwankungen unterworfene und herausfordernde Liebe, die hart erarbeitet werden muss, aber mich unheimlich viel lernen lässt. Ich kann sagen, dass die Liebe und die intuitive Beziehung zur Kleinen mir die Kraft gibt, die ich für die kräftezehrende und herausfordernde Beziehung zum Großen benötige. Insofern hat doch alles seinen Sinn. Und vielleicht kehrt sich alles ja noch einmal um.

Nachtrag 1: 
Für diesen Text wurde ich von der Lernplattform Scoyo als einer der Blogger-Lieblinge des Monats August 2015 ausgewählt. Näheres hier.

Nachtrag 2: 
Ich nehme mit diesem Text am Eltern! Blog Award von Scoyo 2016 teil. Näheres hier .

Sonntag, 16. August 2015

Wochenrückblick

Ein zweites Mal nehme ich, weil unsere Woche so ganz anders als sonst verlaufen ist, am Wochenrückblick von Mama Bines Welt teil und erzähle euch, wie wir die Woche mit den krankgeschriebenen Kindern aufgeteilt und überstanden haben.


Nachdem wir am Montagmorgen aufgrund unseres Verdachts auf Eiterflechte gleich beim Hautarzt waren und sich dies leider bestätigte, so dass beide Kinder wegen Ansteckungsgefahr für die gesamte Woche krankgeschrieben wurden, beschlossen wir, dass mein Mann die Woche zuhause bleibt, da ich ja am Nachmittag schon um 14:30 Uhr nach Hause komme und wir dann zu zweit sind. Außerdem hatte ich am Montag (freier Tag) und am Donnerstag (Überstunden abgebummelt) frei und somit war er nur 3 Vormittage allein mit den Kindern. Glücklicherweise waren sie fit und munter und wir konnten einige schöne Aktivitäten unternehmen. Auch das Wetter hat perfekt mitgespielt. Wie eine Krankheitswoche hat es sich nicht angefühlt, auch wenn Pausen für beide Eltern Mangelware waren.

Am Montag nachmittag waren wir im Garten, was unter der Woche auch mal eine schöne Ausnahmeerfahrung ist. Am Dienstag war ich arbeiten (Zitat Kleine: "Nein, Mama hause bleibt!") und mein Mann mit den Kindern wieder einmal in unserem geliebten Tier- und Freizeitpark Germendorf. Gerade als ich heimkam, waren die Kinder von ihrem Mittagsschlaf im Auto aufgewacht und weinten bitterlich. Es dauerte eine Weile, bis wir sie getröstet hatten, und da es sowieso wahnsinnig heiß war, blieben wir den Rest des Nachmittags zuhause.



Am Mittwoch war ich wieder arbeiten und die Kinder mit meinem Mann in unserem nahegelegenen Kinderbauernhof. Mittags fuhr er mit ihnen in den Garten und sie holten mich dann um 15 Uhr vom nächsten S-Bahnhof ab. Den Nachmittag verbrachten wir wieder im Garten und ich ging mit den Kindern eine Runde auf's Feld hinaus, damit mein Mann mal durchschnaufen konnte.


Am Donnerstag war ich zuhause und wir beschlossen, gleich morgens zu Karl's Erdbeerhof zu fahren. Am Wochenende ist es dort immer zu voll und so nutzten wir die Gelegenheit, die zuletzt am Geburtstag der Kleinen da war. Endlich konnte ich auch mal dem Maislabyrinth und der tollen Sandwelten-Austellung einen Besuch abstatten. Außerdem fuhren wir natürlich wie immer mit der Traktorbahn und rutschten auf der Kartoffelsackrutsche. Es ist wirklich ein schönes Erlebnisdorf und macht immer viel Spaß.




Mittags fuhren wir heim, die Kinder schliefen im Auto und um 15 Uhr begaben wir uns noch einmal zur Hautärztin. Sie bescheinigte uns, dass die Eiterflechte gut am Abheilen ist und die Kinder am Montag wieder in die Kita gehen können. Große Erleichterung! Danach entschlossen wir uns aufgrund der Hitze, an einen nahegelegenen See zu fahren und erstmals das neue Schlauchboot auszuprobieren. Den Kindern und meinem Mann hat es super viel Spaß gemacht, ich habe mich nicht hineingesetzt;). Wir waren lange am See und es war bis auf die Hunde ziemlich entspannt.


Am Freitag war ich wieder arbeiten, mein Mann mit den Kindern vormittags gemütlich in unserem Park und: er hat es zum ersten Mal geschafft, die Kleine zuhause zum Mittagsschlaf zu kriegen. Als ich kam, wachte sie gerade auf (war spät eingeschlafen) und wir fuhren dann gleich in den Garten. Dort probierten die Kinder das Federballspielen aus, was wir vor den Kindern gern und oft noch abends nach der Arbeit machten. Naja, ist noch verbesserungswürdig, aber ihnen hat es gefallen.

Am Samstag vormittag habe ich mit den Kindern eine Fahrradtour zu einem nahe gelegenen Denkmal gemacht und versucht, ihnen kindgerecht zu erklären, was es mit diesem Denkmal auf sich hat. Danach waren wir auf einem schönen schattigen Waldspielplatz. Der Große ist ein super disziplinierter Fahrradfahrer und es macht wirklich Spaß, mit den Kindern Fahrrad zu fahren. Zumal die Kleine so schön ruhig im Kindersitz aushält, was für mich immer wieder verblüffend ist, weil der Große dies auf Teufel komm raus verweigerte. Den Nachmittag verbrachten wir wieder im Garten. Abends pflückten die Kinder noch fast alle reifen Balkontomaten ab.



Am heutigen Sonntag besuchten die Kinder mit meinem Mann wieder die Tiere im Kinderbauernhof und den Nachmittag werden wir entspannt im Garten verbringen.

Die Kinder sind fit und fröhlich und haben insgesamt gut mitgemacht. Uns kam es wirklich nicht wie eine Krankheitswoche vor, sondern eher wie eine zusätzliche Urlaubswoche mit schönen, nicht alltäglichen Erlebnissen. Insofern sind wir noch einmal glimpflich weg gekommen. Meinem Mann hat die Betreuung der Kinder nicht so viel ausgemacht. Er sagte jedoch auch, dass es bei richtiger Krankheit der Kinder sicherlich anders wäre und sie dann auch mehr nach mir verlangen würden. Ich denke, mit dem Wissen, dass wir 2 Tage komplett zu zweit sind und ich an den übrigen Tagen schon um 14:30 Uhr zuhause bin, ist das auch für ihn ganz gut erträglich gewesen. Ich bin dann nach der Arbeit jeweils sofort ohne Pause in die Kinderbetreuung gewechselt, was schon sehr anstrengend ist. Am Abend schlief die Kleine relativ spät, so dass auch der Feierabend kurz war. Nunja. Insgesamt haben wir die Woche aber gut gemanaged.

Nun hoffen wir, dass es keinen Rückfall gibt, wenn die Kinder morgen wieder in die Kita gehen. Und ich freue mich auf meine bitter benötigten freien Stunden am morgigen Montag.

Mittwoch, 12. August 2015

Ich-Zeit und schlechtes Gewissen - Blogparade #MeTime

Seit langem wieder mal eine Blogparade, die mich anspricht: die liebe Mama on the Rocks konstatiert genervt: Zeit für mich? Haha. und fragt nach den Bedürfnissen von Eltern nach #MeTime. Wie wichtig ist Zeit für sich selbst, wie kann man sie in einem turbulenten Kleinkindhaushalt bekommen oder einfordern und was ist mit dem schlechten Gewissen? Ein interessantes Thema, was sicherlich alle Eltern in mehr oder weniger ausgeprägter Form betrifft.

Grundsätzlich spielen da für mich verschiedene Faktoren hinein. Erstens: was bin ich selbst für ein Mensch, wie hoch ist mein Freizeitbedürfnis, habe ich viele Interessen, kann ich schnell um- bzw. abschalten, kann ich Geräusche in der Wohnung/im Haus ausblenden und parallel etwas für mich tun, wie gut kann ich mich zurücknehmen, fordere ich meine Bedürfnisse zur Not auch "gegen" die Bedürfnisse anderer Familienmitglieder ein, leide ich sehr unter einem Mangel an Ich-Zeit etc. Dazu kommen die "äußeren" Umstände: habe ich externe Entlastung, z. B. durch Großeltern (den Partner zähle ich hier nicht mit, weil der ja das gleiche Problem hat, wenn er berufstätig ist), beschäftigen sich die Kinder viel oder wenig allein (da gibt es große Unterschiede), wie sind die Wohnumstände, gibt es Rückzugsmöglichkeiten etc.

All diese Faktoren beeinflussen das Empfinden, ob jemand subjektiv genügend Zeit für sich hat, enorm. Bei Mama on the Rocks beispielsweise stelle ich es mir sehr schwierig vor, neben der häufigen Anwesenheit der Kinder im Haus im HomeOffice zu arbeiten und gleichzeitig den Haushalt auf Stand zu halten. Dennoch schafft sie es, sehr produktiv und präsent zu sein, was jedoch, wie sie selbst schreibt, zu Lasten ihrer Freizeit jenseits von Arbeit und Blog geht. Freizeit bedeutet für sie: Arbeitszeit oder Zeit zum Bloggen. Für mehr reicht es momentan nicht. Wünsche und Sehnsüchte werden auf später verschoben. Aber wann ist später? Ist man dann gesundheitlich noch fit genug, um das zu machen, was man jahrelang vermisst hat? Kann man ein Bedürfnis nach Ich-Zeit lange zurückhalten, ohne krank zu werden? Das sind alles Fragen, die jeder individuell für sich beantworten muss. Und man sollte Verständnis für jemanden aufbringen, bei dem es anders ist, weil die Voraussetzungen eben ganz andere sind. Manche empfinden Zeit mit der Familie als Freizeit, manche brauchen das Alleinsein, andere wollen ihren Hobbies nachgehen und manche haben gar kein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ich-Zeit oder können das eben problemlos zurückstellen, ohne was zu vermissen. So unterschiedlich sind Menschen, und bei Eltern ist alles noch einen Zacken schwieriger wegen der äußerst begrenzten Zeit und der Mehrfachbelastung.

Wie ist es bei mir? Zusammengefasst: starkes Ich-Zeit-Bedürfnis, Schwierigkeiten abzuschalten, Tendenz zu somatischen Beschwerden bei Nichterfüllung elementarer Bedürfnisse (Alleinsein, Ruhe, Rückzug), kleine, sehr aufmerksamkeitsbedürftige Kinder und keinerlei Entlastung jenseits der Kita. Eine ungünstige, zeitweise explosive Mischung, und ich habe auch nach fast 4 1/2 Jahren Elternseins noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden, die auch mein schlechtes Gewissen berücksichtigt. Ignorieren kann ich das Problem nicht, dafür ruft es zu laut, und wenn ich mich zu sehr vernachlässige, werde ich krank und kann nicht für meine Kinder sorgen. Das darf nicht passieren. Allzu sehr zu Lasten meines Mannes kann ich aber meinem Ich-Zeit-Bedürfnis auch nicht nachgehen, sonst bricht er zusammen und das Problem verschiebt sich nur. Ich denke, alle Eltern hadern mit der wenigen Zeit für sich selbst und das ist sicherlich überall ein Streitpunkt, weil sich immer einer benachteiligt fühlt. Manchmal der, der mehr arbeitet, manchmal der, der mehr Zeit mit den Kindern verbringt, und meist der, dessen Freizeitbedürfnis stärker ausgeprägt ist.

Das ist auch ein sehr wichtiger Punkt zwischen den Eltern, der oft genug zu Unzufriedenheit führt. Wer empfindet den Wunsch nach Ich-Zeit stärker, wer kann sich besser zurücknehmen, wer funktioniert besser ohne Pause, wem macht die permanente Präsenz weniger aus? Schwierig zu messen und unmöglich zu vergleichen oder von außen zu beurteilen. Ich denke, dem Elternteil, der ein subjektiv größeres Freizeitbedürfnis hat oder der unter dem Mangel mehr leidet, sollte auch mehr Ich-Zeit ermöglicht werden, da dieser sonst unzufrieden, gereizt oder krank wird. Was aber, wenn es niemanden außer dem Partner gibt, der entlasten könnte? Was, wenn ein riesengroßes schlechtes Gewissen bei jeder abgerungenen Stunde mitschwingt? Was, wenn die Bedürfnisse der Kinder dagegen stehen (beispielsweise, weil ein Kind noch nicht ohne die Mama einschläft)? Es ist eine schwierige Gratwanderung, die man immer wieder auf's Neue austarieren muss.

Nochmal zurück zu mir: ich bin sicherlich diejenige von uns beiden, die ein subjektiv höheres Freizeit- und Freiheitsbedürfnis hat. Ich brauche Pausen und Auszeiten wie die Luft zum Atmen. Ich leide mehr darunter, pausenlos funktionieren zu müssen. Ich werde unruhig und gereizt. Ich habe immer so vieles im Kopf, was ich eigentlich noch machen möchte. Wenn ich eine Perspektive habe, also weiß, dann und dann hast Du regelmäßig mal eine oder zwei Stunden für Dich, dann geht es eigentlich. Dann kann ich das Zusammensein mit den Kindern auch genießen und schätzen. Wenn ich aber auf Dauer nicht zu Dingen komme, die mir wichtig sind (wie das Bloggen beispielsweise), dann frustriert mich das ungemein, macht mich hibbelig und setzt mich unter ungesunde Daueranspannung. Und dann reichen 2 Stunden Freizeit nicht im geringsten aus, um mich wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das war schon in der Babyzeit des Großen so, und keiner konnte es verstehen.

Ein Patentrezept habe ich noch nicht gefunden. Das Wichtigste ist erst einmal, für sich selbst zu sorgen, d.h. das zu erkennen und einzufordern, was einem gut tut. Dagegen kämpft jedoch das schlechte Gewissen, was bei Mamas meiner Erfahrung nach sowieso stärker ausgeprägt ist. Man ist auch nicht immer stark genug, um für sich einzustehen. Dann ist es Aufgabe des anderen Elternteils, sanft aber eindrücklich an Auszeiten zu erinnern, diese zu ermöglichen oder Unterstützung zu organisieren. Ein schwieriges Unterfangen. Da wir keine Unterstützung haben, bleibt alles an meinem Mann hängen, was mir auch ein ungutes Gefühl gibt. Meine Ich-Zeit geht auf seine Kosten.

Ich habe tatsächlich erst durch die Kinder gemerkt, wie viel Bedürfnis nach Rückzug, Ruhe, Alleinsein ich habe, um zu mir zu kommen und neue Kraft zu tanken. Das Bedürfnis nach einem Ausgleich zu den Kindern wird durch die Arbeit erfüllt. Das Ruhebedürfnis wird nur zu einem sehr geringen Teil der eigentlich benötigten Ration erfüllt. Das ist gefährlich. Oft genug war es erschreckend, welche Auswirkungen es hatte, wenn ich das zu lange vernachlässige. Große Wünsche und Vorhaben habe ich auch erstmal ganz pragmatisch auf eine Zeit verschoben, wenn die Kinder größer sind. Aber auf regelmäßige kleinere Auszeiten muss unbedingt geachtet werden. Für meine seelische Gesundheit und damit ein gutes Mamasein. Ich kann auch mit Freude funktionieren - aber nur mit Pausen!

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade #MeTime von Mama on the Rocks.

Montag, 10. August 2015

Komische Kinderkrankheiten

Immer mal wieder was Neues. Nach einem anstrengenden Wochenende und sehr lange zurückliegender effektiver Entlastung abseits der Kita sind beide Kinder nun die ganze Woche krankgeschrieben. Die Diagnose: ansteckende Eiterflechte, auch Grind- oder Borkenflechte genannt. Kinder haben ja immer Krankheiten, die hat man vorher noch nie gehört. Zum Glück hatten wir das gestern abend aufgrund einiger Hinweise auf Twitter schon recherchiert und ahnten, dass es genau das sein würde. Deshalb waren wir heute früh gleich beim Hautarzt. Leider büße ich nun heute meinen für meine Regeneration eigentlich dringend benötigten freien Tag ein, der immer meine wichtigste Kraftquelle für die Woche und das kommende Wochenende ist und den ich schon fest verplant hatte. So ist das eben manchmal, meistens immer dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann oder wenig Kraft hat. Glücklicherweise sind die Kinder ja wirklich sehr selten krank, so dass wir uns insgesamt nicht beschweren können. Der Große war zuletzt im Februar krankgeschrieben, davor 2 Jahre gar nicht, und die Kleine hatten wir im November 2014 das letzte Mal länger zuhause. Da wir aber immer alles allein stemmen müssen, ist es trotzdem eine zusätzliche Belastung, die unsere fein austarierte Work-Life-Balance durcheinander bringt.

Die Eiterflechte ist eine hoch ansteckende Hautkrankheit, die durch Schmierinfektion übertragen wird und besonders im Säuglings- und Kleinkindalter verbreitet ist. Ausgelöst wird sie durch Bakterien, die in Wunden eindringen und die Entzündung hervorrufen. Einmal ausgebrochen, verbreiten sich die Bläschen und die Krankheit wird eben durch Schmierinfektion weitergegeben. Das geschieht natürlich in der Kita und unter Geschwistern sehr schnell.


Bei uns war es so, dass der Große am Ellenbogen mehrere Schürfwunden hatte, die nicht so richtig abheilten bzw. immer wieder aufbrachen. Ungefähr am letzten Donnerstag/Freitag bemerkten wir, dass die Wunden merkwürdig aussahen, sich kleine Bläschen bildeten und es leichte Verkrustungen gab. Da er aber nicht über Schmerzen oder Juckreiz jammerte, sahen wir keinen Handlungsbedarf. Am Freitag war außerdem routinemäßig ein Arzt in der Kita, der die 4-5-jährigen Kinder, darunter auch den Großen, untersuchte. Alles in Ordnung. Am Wochenende bildeten sich auf seinem Körper einige wenige, kleine runde Stellen, die etwas anders aussahen. Als aber die Kleine gestern nachmittag diese Stellen auch entwickelte, wurden wir stutzig und recherchierten. Naja, und so landeten wir heute morgen gleich bei der Hautärztin, die uns netterweise als erste untersuchte und die vermutete Diagnose stellte. Es ist eine leichte Ausprägung, aber eben sehr ansteckend, so dass sie zuhause bleiben müssen. Mit einer antibiotischen Salbe werden die befallenen Stellen behandelt. Hoffentlich stecken wir uns nicht auch noch an!

Glücklicherweise ist das Wetter gerade perfekt, die Kinder sind nicht körperlich angeschlagen (Juckreiz oder Schmerzen scheinen sie nicht zu haben) und es gibt keine wichtigen Terminsachen, die abgesagt werden müssen oder davon beeinträchtigt werden. Insofern also nochmal Glück gehabt. Wir werden bzw. müssen das Beste daraus machen und ich hoffe, dass es in dieser Woche abklingt, so dass in der kommenden Woche alle wieder ihren gewohnten Rhythmus leben können. Mein Mann wird die nächsten Tage die Krankenpflege übernehmen, was den Vorteil hat, dass ich ja schon gegen 14:30 Uhr zuhause bin und wir nachmittags zu zweit sind, und ich versuche auch, gegen Ende der Woche ein paar Überstunden abzubauen. Grundsätzlich glaube ich ja, dass die Papas insofern gute Krankenpfleger sind, weil sie nicht so stark mit ihren Kindern mitleiden (wie ich zum Beispiel), weniger Dinge im Kopf haben, was alles noch zu tun wäre und weniger perfektionistisch sind. Mein Mann ist außerdem viel stoischer und duldsamer, was die Rund-um-die Uhr-Betreuung der Kinder angeht, und sein Freiheits- und Freizeitbedürfnis ist geringer als bei mir. Ich bin generell recht geduldig mit den Macken und Marotten der Kinder, werde aber schnell gereizt, wenn ich ohne Pause funktionieren muss. Die Mamas sind dafür generell gut darin, für alles die passende Medizin zu haben und auch regelmäßig zu geben. Wir werden uns reinteilen, so dass möglichst keiner durchdreht.

Warum ich darüber schreibe? Viele Kinderkrankheiten sind meiner Erfahrung nach ziemlich unbekannt, obwohl sehr verbreitet. Ich selbst habe viele Krankheitsnamen zum ersten Mal durch meine Kolleginnen mit älteren Kindern gehört und schon das eine oder andere Mal von deren Wissen profitiert. Vielleicht hilft es auch meinen Lesern insofern, dass sie den Begriff schon einmal gehört haben und nicht ganz unvorbereitet sind, wenn es sie betrifft.

Montag, 3. August 2015

Unser Ostsee-Sommerurlaub

Eigentlich fürchten wir uns ja immer etwas vor Urlauben, seit wir Kinder haben, weil es jedesmal entweder Umstellungsprobleme, Krankheiten oder schlechte Laune gab, wir nichts oder nur einen Bruchteil dessen machen können, was wir früher machten und meist hinterher durch die 24/7-Bereitschaft urlaubsreifer als vorher waren. Diesmal war es anders: wir freuten uns wirklich darauf, hatten die Abwechslung auch bitter nötig, kannten unser Quartier und die Region, d.h. der Ausflugs"zwang" fiel weg und die Kinder hatten schon vorher eine relativ stabile gute Phase, so dass wir hoffen konnten, das würde sich im Urlaub fortsetzen (traf zum Glück ein).

Da unsere Kinder immer noch schlechte Autofahrer sind, urlauben wir maximal 2,5 h von unserem Wohnort entfernt. So schaffen wir es gerade noch an die Ostsee und wollten mal einen richtigen Strand-, Buddel- und Meeresbrise-Urlaub einlegen. Leider hatten wir eine Woche mit suboptimalem Wetter erwischt. 4 Tage lang war es sehr wechselhaft, mit Schauern, vielen Wolken und Wind, die übrigen Tage sonniger, aber auch recht kühl, so dass wir zwar am Strand sein konnten, aber sich das Ganze nicht wie ein Sommerurlaub anfühlte. Glücklicherweise hatten wir ein gemütliches Domizil und die Kinder waren wirklich, bis auf kleine Aussetzer, über alle Maßen gut gelaunt, fröhlich und kooperativ. Das macht so viel aus, im Grunde ist es entscheidend für das gesamte Gelingen eines Urlaubs. Da man im Urlaub weniger Auszeiten als im Alltag hat und meist 24 h am Tag zusammen ist, bedeutet die Ausgeglichenheit der Kinder für uns, dass das Aufeinanderhocken zumindest relativ harmonisch vonstatten geht.
Wir bemerkten auch wieder einmal, dass die räumliche Situation einer Wohnküche dem Zusammenleben mit kleinen Kindern zuträglich ist. Nach den kurzen Mahlzeiten konnten sie sich frei in unserer Nähe bewegen und spielten viel schöner und selbstständiger als zuhause, wo wir eine vom Wohnzimmer getrennte Küche haben. Man konnte auch durchaus mal am Esstisch sitzen und was am Laptop machen, wohingegen zuhause meist sofort der Alarm losgeht, sobald man in einem der Zimmer verschwindet. Es kann natürlich der ungewohnten Situation zuzuschreiben sein, dass es besser lief, aber wir haben diese Erfahrung schon mehrmals im Urlaub gemacht. Ganz deutlich ist auch, dass die Kinder sich schneller einleben und umstellen, wenn sie das Quartier, die Umgebung schon kennen. Das spielt vor allem beim Großen eine wichtige Rolle, und er ist jetzt schon in dem Alter, wo er sich erinnert. Und für uns ist es natürlich auch wesentlich entspannter, wenn wir die Gegebenheiten, Ausflugsziele, Einkaufsmöglichkeiten etc. schon kennen. Deshalb wählen wir seit den Kindern bevorzugt Quartiere aus, wo wir schon einmal waren und die sich als kindgerecht erwiesen haben.


Wir haben Ausflüge zum Zoo Rostock, zur Sommerrodelbahn Bad Doberan, wo die Kleine allerdings noch nicht mitfahren konnte und zum Traditionsschiff im IGA-Park Rostock gemacht, besuchten ein pädagogisch furchtbares Kindertheaterstück und waren so oft es ging am Strand, meist dick eingemummelt. Die Kleine mochte leider den starken Wind gar nicht, was beim Großen auch lange Zeit der Fall war. Seit kurzem scheint es ihn aber nicht mehr so zu stören.


Der schönste Tag für mich war tatsächlich mein Geburtstag, weil wir da einen Ganztagesausflug nach Warnemünde inklusive Schifffahrt, Leuchtturmbesteigung und Strandbuddelei machten. Der Mittagsschlaf des Großen fiel problemlos aus und die Kleine schlief bereitwillig im Buggy ein, so dass wir viel flexibler waren, als wenn wir mittags nach Hause müssen. Ich merkte an diesem Tag, dass ich immer noch eine große Sehnsucht nach Erlebnissen habe und eigentlich lieber einen ganzen Tag unterwegs (und dann abends entsprechend kaputt) bin, als immer nur diese kleinen Vormittags-/ Nachmittagsetappen zu gestalten. Ich brauche auch die körperliche Betätigung, die ich im Alltag zumindest nachmittags, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin, gewöhnt bin. Das habe ich vor allem an den Schlechtwettertagen deutlich vermisst. Für mich waren etwas zu wenige Ausflüge dabei, aber das ist eben schwierig mit schlechten Autofahrern, dem Bedürfnis nach einer Mittags(schlaf)pause, die auch mal im Auto gemacht wird, aber eben nicht jeden Tag und einem unberechenbaren Wetter. Womit ich auch weiterhin große Probleme habe, ist Strukturlosigkeit. Wenn ich keine Perspektive habe, kriege ich nach kurzer Zeit schlechte Laune. Besser irgendwas tun als gar nichts! Dem Großen geht es, glaube ich, ähnlich, denn wir waren beide am gleichen Tag unzufrieden und launisch.



Die Kleine war die ganze Zeit total fröhlich, hatte zwischendurch ihre kleinen Bockanfälle, die aber umso vieles harmloser sind als beim Großen seinerzeit, und entwickelte eine ganz innigliche Beziehung zum Papa. Meine Hoffnung, dass er sie vielleicht mal ins Bett bringen durfte, erfüllte sich aber leider nicht. Sie sprach auf einmal ihren Vornamen komplett aus und wirkte insgesamt sehr zufrieden und neckisch. Sie ist sprachlich und kognitiv so unglaublich weit, dass wir es oft kaum glauben können. Für mich ist dieses schnelle, aktive und geistig rege Kind eine große Freude. Ihre gute Laune ist ansteckend, sie sprüht vor Ideen und hat den Schalk im Nacken.


Der Große rückte emotional wieder näher an mich ran, erzählte viel und kreativ, spielte lustig und war für seine Verhältnisse wirklich ausgeglichen. Das war so toll! Überhaupt fielen mir die ganzen Aspekte an ihm, die mich im Alltag manchmal in den Wahnsinn treiben (wie seine Begriffsstutzigkeit und Reaktionsverzögerung), weder auf noch störte mich irgendwas an ihm. Auch mal eine neue Erfahrung, die ich so im Urlaub noch nie empfunden habe. Sonst war es immer so, dass diese Dinge noch stärker ins Gewicht fielen als im Alltag. Insgesamt waren die Kinder sehr gut zu händeln, haben mich selten gestresst oder genervt, ich hatte keine Fluchtgedanken und die kurze Abendfreizeit sowie gelegentlicher Mittagsschlaf reichten (zumindest für den überschaubaren Zeitraum) aus. Auf lange Sicht wäre mir das aber trotzdem deutlich zu wenig Freih/zeit.

Insofern verdiente der Urlaub diesmal wirklich seinen Namen, wenn man mal die fehlenden sommerlichen Aspekte außer Acht lässt. Wir waren traurig, als wir wieder abreisen mussten und werden sicherlich gern an diese Woche zurückdenken. Ich hoffe, dass in den nächsten Jahren immer mehr solche Erlebnisse kommen werden, damit meine bisherige Erfahrung, dass der durch Arbeit und Kita strukturierte Alltag stressfreier ist als das permanente Zusammensein, etwas aufgeweicht wird. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein schöner Zufall.