Dienstag, 30. Juni 2015

Mein singendes klingendes Mädchen

Die Kleine ist eine wandelnde Jukebox. Drückt man ein Knöpfchen in Form des Beginns einer Melodie bei ihr, so erklingen sofort ganze Lieder mit mehreren Strophen und Wiederholungen. Ständig hat sie ein Lied auf den Lippen, möchte tanzen und Bewegungen machen. Sie hat Melodie- und Rhythmusgefühl, Textgedächtnis und Ausdrucksstärke. Man spürt den Spaß, den sie an Musik und Bewegung hat und es ist eine Freude, ihr zuzuhören und zuzuschauen. Durch ihre faszinierende Auffassungsgabe und ihre Merkfähigkeit hat sie mittlerweile ein Repertoire von bestimmt 100 Liedern. Vorhin beim Einschlafen hat sie sich wieder durch diverse Lieder gesungen, bevor ihr die Augen zufielen. Ich habe wirklich das Gefühl, da schlummert ein Talent in ihr, das ich gerne fördern möchte.

Nun ist es ja leider so, dass die zweiten Kinder aus Zeit- und Organisationsgründen nicht mehr in dem Maße gefördert werden wie die ersten, zumindest, wenn man keine Großeltern in unmittelbarer Nähe hat, die als Babysitter fungieren können. Mit dem Großen waren wir ab dem Alter von 1,5 Jahren sowohl beim Eltern-Kind-Turnen als auch beim Musikgarten. Beide Kurse hat anfangs mein Mann mit ihm gemacht, später habe ich zwei andere Musikgarten-Kurse mit ihm weiter besucht, bis vor ca. einem Jahr. Seitdem besucht er die von der Kita angebotenen Musikgarten-Kurse. Der Große hat sich immer recht schwer getan, war ziemlich überfordert und klammerte viel. Er hat nie getanzt, sondern ich musste mit ihm auf dem Arm tanzen. Er hat auch selten Lieder, die er dort lernte, zuhause reproduziert. Das fand ich zwar schade, dachte aber trotzdem, dass es ihm gefiel und irgendwo in ihm die Freude an Musik wecken würde. Er war nie so ein singendes Kind wie die Kleine oder eine seiner gleichaltrigen Freundinnen, konnte sich zwar viele Texte merken, aber er beobachtete eher viel und saugte auf, ohne das wieder nach außen zu tragen.

Mit der Kleinen wollte ich schon länger einen Musikgarten-Kurs besuchen, aber da ist eben immer das Betreuungsproblem mit dem Großen. Altersmäßig können sie schlecht in den gleichen Kurs gehen und finanziell ist das für zwei Kinder auch happig. Also muss der Große währenddessen betreut werden, was zwar ab und zu für meinen Mann und eine befreundete Familie möglich ist, aber nicht kontinuierlich über einen längeren Zeitraum hinweg. Vielleicht wäre es sogar auch möglich und ich habe einfach nur Skrupel, das anzufragen. Jedenfalls habe ich vor einiger Zeit einen Musikgarten-Sommerkurs entdeckt, der nur über 4 Wochen geht (von denen wir noch eine Woche im Urlaub sein werden), was also betreuungsmäßig gut abzudecken ist, und die Kleine und mich angemeldet. Nächste Woche Montag geht es los und ich freue mich schon wahnsinnig, meine musikalische Kleine in diesem Kontext zu erleben. Die Musikgarten-Lehrerin kenne ich schon, weil ich mit dem Großen damals auch schon zwei Kurse bei ihr besucht habe. Ich weiß, welche Lieder, Tänze und Kniereiter sie singt, welche Instrumente sie einsetzt und wie ihre Stunde abläuft. Und bin ganz gespannt, wie sich meine Kleine dort verhalten und was sie mit nach Hause nehmen wird. Der Große wird an den drei Montag-Nachmittagen abwechselnd von meinem Mann und den Freunden betreut.

Und wenn es ihr gefällt, werde ich vielleicht auch versuchen, im Winterhalbjahr einen Kurs mit ihr zu machen. Wo ich den Großen dann lasse, weiß ich allerdings nicht. Eine dreiviertel Stunde still daneben zu sitzen und zuzuschauen, ist für ihn utopisch. Über 10 Wochen (durchschnittliche Kursdauer) eine Betreuung zu organisieren ebenso. Echt schwierig und schade, dass die zweiten Kinder deshalb nicht so viele Möglichkeiten wahrnehmen können wie die ersten. Ich möchte gern sehen, wie die Kleine in der fremden Umgebung, mit den fremden Kindern reagiert, ob sie allein tanzen wird und dem Papa zuhause erzählen und vorsingen wird, was sie "gelernt" hat. Das hat der Große nie gemacht, sondern immer alles in sich verschlossen. Ich freue mich unglaublich auf die exklusive Musik-Zeit mit meiner Kleinen.

Kurze Anekdote zum Schluss: in der Kita wird in den vergangenen Wochen die "Vogelhochzeit" als Musical einstudiert, das alle Kinder zum Sommerfest Mitte Juli aufführen werden. Die Kleine trällert dieses Lied seit Wochen mit Inbrunst. Der Große wusste anfangs auch auf Nachfrage nichts davon. Mittlerweile weiß er es zwar, hat es aber noch kein einziges Mal zuhause gesungen. Er stimmt auch nicht in den Gesang der Kleinen ein, obwohl er das Lied ja nun mittlerweile in- und auswendig kennen müsste. So unterschiedlich sind Geschwister.

Ab Montag also dreimal Musikgarten für mich und meine singende klingende Kleine. Ich freue mich!

Samstag, 27. Juni 2015

Windelfreie Kleine

Die Kleine ist doch immer wieder für Überraschungen gut. Ihre gesamte Entwicklung verläuft leichtfüßiger, weniger verbissen und unkomplizierter als die des Großen. Das rasante, selbstbestimmte und unerwartete Trockenwerden der Kleinen hat uns jetzt völlig überrascht. Sie ist gerade innerhalb von nicht einmal 3 Wochen im Alter von 25 Monaten trocken geworden, sogar zum Mittagsschlaf, und auch nachts trägt sie sicherlich bald keine Windel mehr. Und sie hat das selbst so entschieden, ohne jegliche Einwirkung von außen. Wir haben sie lediglich in ihrem Weg unterstützt. Aber der Reihe nach.

Es ist mittlerweile allgemein bekannt, dass das Sauberwerden eines Kindes eine Frage der Gehirnentwicklung ist. Jedes Kind ist anders und man sollte jedem Kind die Zeit lassen, die es benötigt, ohne es unter Druck zu setzen. Gleichzeitig aber auch die Anzeichen erkennen und es darin unterstützen, wenn es keine Windel mehr will. Gar nicht so einfach. Von einer Konditionierung à la jede Stunde auf's Töpfchen setzen halte ich überhaupt nichts und mich schaudert bei dem Gedanken, dass dies andere Eltern aus meiner Umgebung praktizieren.

Im Falle der Kleinen war es so, dass sie schon länger freiwillig auf die Toilette ging. Wir haben einen Familientoilettensitz, mit dem wir sehr zufrieden sind und der sich schon beim Großen bewährt hat. Da sie ihren Bruder oft beim Toilettengang beobachtet hat, war der Schritt, sich selbst auch mal darauf zu setzen, nicht sehr groß. Anfangs ging sie noch auf die kleine Kindertoilette, aber diese wird jetzt meist nur noch als Tritt benutzt;).

In den letzten Monaten hatte sie immer seltener in die Windel gekackert, sondern das große Geschäft ziemlich zuverlässig zuhause oder in der Kita auf der Toilette gemacht. Sie konnte auch manchmal "auf den Punkt" kackern. Das ließ schon ein frühes Trockenwerden erwarten, aber niemals hätte ich etwas forciert. Wir ließen dann ab und zu die Windel weg, aber es ging noch viel daneben und irgendwie merkte ich, dass sie noch nicht soweit war. Die Erzieher in der Kita sprachen uns schon vor einiger Zeit an, ob wir es nicht versuchen wollten, aber das lehnte ich noch ab, da mir das letzte Klick bei ihr fehlte. Seit Ende Mai wollte sie dann explizit keine Windel mehr tragen. Sie wehrte sich vehement und wir ließen die Windel an dem relevanten Wochenende tagsüber weg. Montags sagten wir in der Kita Bescheid, dass sie keine Windel mehr möchte, deponierten viel Wechselwäsche dort und nahmen in der ersten Woche pro Tag 1-2 Garnituren Wäsche mit nach Hause. In der zweiten Woche war es schon viel weniger und die Erzieher ließen sie dann auch im Garten windelfrei. Zuhause passierte es manchmal, dass sie "pullern" sagte und in dem Moment schon einpullerte. Oft konnte sie aber auch anhalten, eine Fähigkeit, die beim Großen später kam. Sie geht auch immer öfter allein auf die Toilette und ruft dann erst, wenn sie fertig ist.

An den Wochenenden ließen wir sie dann auch zum Mittagsschlaf ohne Windel und es ging nicht ein Mal schief. Auch die Nachtwindel blieb immer öfter trocken. Ganz ehrlich, wir waren völlig verblüfft. Am Mittwoch, 24.6., probierte die Kita erstmals den windelfreien Mittagsschlaf aus  - erfolgreich. Am Nachmittag sagte die Erzieherin der Kleinen zu mir: "Für uns ist die Sache durch. Habt ihr super gemacht!" Natürlich war es nicht unser Verdienst, sondern die Kleine hat es super gemacht, wir haben nur auf ihre Zeichen geachtet und sie darin unterstützt, was sie selber wollte. Nun folgt noch das Weglassen der Nachtwindel und dann können wir uns diesen finanziellen Posten sparen;) Und das Gepäck auf Reisen wird erfreulicherweise auch kleiner.

Noch eine kurze Rückschau zum Trockenwerden des Großen: er wurde mit ca. 2 1/4 Jahren trocken, allerdings anders als die Kleine. Zuhause wehrte er sich mit Händen und Füßen gegen alles, was wir völlig ohne Druck mit ihm ausprobieren wollten. Auf die Kindertoilette mochte er sich meist nicht mal draufsetzen. Bei ihm war zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Reife und Bereitschaft in dieser Hinsicht für uns zu bemerken. Er sträubte sich zwar schon lange gegen das Wickeln, das genau wie bei der Kleinen ab Stehalter nur noch im Stehen zugelassen wurde. Aber die Windel weggelassen hätte ich bei ihm noch nicht, da er mir insgesamt viel zu wenig kooperierte und nichts bzw. das Gegenteil dessen tat, was nach seinem Verständnis seine Bezugspersonen von ihm erwarteten (siehe autonome Kinder). Dagegen war er in der Kita immer schon sehr angepasst und der Toilettengang war kein Problem. Seine Erzieherin erkannte, dass es für sie als Außenstehende leichter als für uns wäre, ihn darin zu unterstützen und fing an, die Windel in der Kita wegzulassen. Der Prozess dauerte aber bei ihm viel länger, die Mittagsschlafwindel blieb noch lange dran und die Nachtwindel ist bis heute jede Nacht voll. Es wird so kommen, wie ich es schon vor einiger Zeit prophezeite, dass die 2-Jährige nachts windelfrei sein wird und der 4-Jährige nicht. Ändern können und wollen wir das nicht.

Meiner Einschätzung nach ist er durch die Kita-"Konditionierung" trocken geworden, weil er in der Kita, im Unterschied zu zuhause, beweisen will, was er alles kann und sich den "Anforderungen" problemlos fügt. Diese Ambitionen hat er zuhause nicht, im Gegenteil, und deshalb wäre es für uns in diesem Alter unmöglich gewesen, ihn beim selbstbestimmten Trockenwerden zu unterstützen. Noch heute habe ich manchmal das Gefühl, dass er eigentlich selbst immer noch keine richtig bewusste Beherrschung seiner Blasenfunktion hat. Deshalb auch das nächtliche Nasswerden. Daneben fehlt auch der Wille bei ihm, es zu schaffen bzw. es hat keine Priorität, das trifft es vielleicht eher. Sorgen mache ich mir darüber noch nicht, wir haben noch Zeit, aber die Unterschiede zur Kleinen zeigen sich eben auch in diesen Bereichen.

Ich freue mich jedenfalls, dass wir jetzt zwei so gut wie trockene Kinder haben, was wieder ein weiterer Schritt hin zur zunehmenden Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Kinder von uns ist. Wie rasant es bei der Kleinen in so einem frühen Alter und auf eine so andere Weise als beim Großen nun kam, darüber kann ich nur staunen.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Über das sogenannte Bauchgefühl

Gestern habe ich eine Grafik auf der Facebook-Seite der Tollabea, die ich sehr schätze, gesehen, die mich samt der meisten zugehörigen Kommentare aufregte und mich gleich zu einem Kommentar sowie zu diesem Beitrag veranlasste:


Mein Kommentar lautete folgendermaßen:
"Das sehe ich völlig anders als oben in dem Bild. Nicht jede Mama hat automatisch ein Bauchgefühl. Bei einem Schreibaby denkt man, man macht alles falsch! Und wenn ich sehe, wie viele andere Eltern ihre Kinder erziehen, dann graut mir vor dem, was sie "Bauchgefühl" nennen. Vieles von dem, was unsere Vorgängergenerationen gemacht haben, war nicht in Ordnung. Gott sei Dank sind wir da heute weiter. Wer sich nicht für neue Erkenntnisse interessiert, ist meiner Meinung nach ignorant."

Dieses Thema bewegt mich immer wieder und ich hatte es schon einmal hier angesprochen, als ich etwas überrascht (um es neutral auszudrücken) war, dass so viele BloggerInnen angeblich keine "Erziehungsratgeber" lesen, sondern sich zum überwiegenden Teil auf ihr Bauchgefühl, vielleicht noch gepaart mit Ratschlägen anderer, verlassen. Ich habe in dem Text schon ausgeführt, dass dies bei mir nicht so ist, und beschrieben, wie ich mich orientiere, wenn es um den Umgang mit meinen Kindern geht, nämlich durch Literatur, Foren, Webseiten, Austausch (auch virtuell), Reflektieren, eigene Kurskorrekturen, wenn nötig und ein kontinuierliches Beobachten und Eingehen auf meine Kinder. Die Grafik und die Kommentare haben wieder einmal meinen Widerspruch geweckt gegen die weit verbreitete Annahme eines naturgegebenen Bauchgefühls bzw. die Überzeugung, die Eltern eines Kindes machen es schon richtig, wenn sie oft ohne eine Ahnung von neuen Erkenntnissen, nur beeinflusst durch die eigene Erziehung und geleitet von dem, was sie "Bauchgefühl" nennen, ihre Kinder erziehen.

Ich bestreite nicht, dass eine Mama oder ein Papa (aber selbst zwischen diesen beiden gibt es schon Unterschiede) ihr Kind gut kennen und die meisten Eltern erstmal das Beste für ihr Kind wollen. Zwischen Wollen und Verwirklichen ist aber schon mal ein riesiger Unterschied, genauso wie zwischen dem Verhalten des Kindes zuhause und dem in der äußeren Welt ein großer Kontrast herrschen kann. Eine Erzieherin im Kindergarten, die Großeltern oder befreundete Eltern schätzen mein Kind vielleicht ganz anders ein als ich, weil sie andere Erfahrungen mit ihm machen. Dafür sollten Eltern offen sein. Nun bin ich überhaupt keine Mama, die sich die Kompetenzen im Umgang mit ihren Kindern absprechen lassen würde oder sich gern belehren lässt. Aber ich gehöre auch zu denjenigen Mamas, die sich ziemlich umfangreich informieren, sich immer wieder hinterfragen und korrigieren und in vielfältigem Austausch stehen.

Ich tue mich schwer mit dem allseits postulierten "Bauchgefühl". Nicht nur bezogen auf mich selber, die ich als Mama eines Schreibabys keinerlei Intuition und Eingebung hatte, wie ich mit diesem Kind umgehen sollte. Sondern auch bezogen auf viele andere Eltern, die die verschiedensten Erziehungsstile praktizieren, obwohl vieles davon schon längst überholt ist, was man wissen könnte, wenn man "Erziehungsratgeber" lesen würde. Da gibt es diejenigen, die das Schreienlassen praktizieren, was die Erkenntnisse sämtlicher Bindungsforschung verhöhnt. Andere, die ein rigoroses Töpfchentraining durchführen, obwohl doch mittlerweile bekannt ist, dass das Trockenwerden eine Frage der Gehirnentwicklung ist. Da gibt es Eltern, die zurückhauen, wenn ihr Kind sie haut, damit es lernt, wie sich das anfühlt. Von größerer Gewaltanwendung will ich jetzt gar nicht reden. Da gibt es Eltern, die meine Kinder belehren, reglementieren und bevormunden, obwohl ich deutlich sichtbar einen anderen Erziehungsstil praktiziere. Die ihre Kinder nicht trösten, obwohl ein kompetentes Bauchgefühl eigentlich genau das auslösen sollte. Kinder werden gedemütigt, ausgelacht, nicht ernst genommen. Babys bekommen Honig auf Schnuller geschmiert, obwohl die Gefahr einer bakteriellen Infektion doch allseits bekannt sein sollte. Vierjährigen wird Cola vorgesetzt, in Anwesenheit von Kindern wird geraucht und Großeltern überschütten ihre Enkel mit Süßigkeiten. Und das soll alles "Bauchgefühl" sein?! Ganz ehrlich, da kriege ich Bauchschmerzen!

Ich als Schreibaby-Mama hatte lange Zeit überhaupt kein Bauchgefühl. Ich wusste absolut nicht, was ich machen kann, damit dieses Kind zufrieden wird. Hätte ich nicht angefangen, Bücher und Webseiten in meiner Verzweiflung zu durchforsten, ich wäre verrückt geworden. Tatsächlich habe ich nur durch Lektüre und Austausch mit anderen Betroffenen einen Weg gefunden, mit der Situation klarkommen. Und auch in der danach folgenden Zeit und bis heute stehe ich immer wieder vor Problemen, wo ich mich austauschen muss, sei es durch Literatur oder Kontakte, um mich zu positionieren und meinen Weg zu finden. Dass dieser Weg auch nur mein eigener ist und für andere Kontexte nicht passen würde, ist klar. Aber ich stelle mich nicht hin und behaupte, das sagt mir mein Bauchgefühl und fertig. Sondern ich bin immer im Fluss und finde meinen Weg in Abgrenzung zu oder Übernahme von diversen anderen Auffassungen. Ich muss aber immer wieder feststellen, dass Überzeugungen, die für mich selbstverständlich und wissenschaftlich längst belegt sind, bei anderen Eltern nicht in dem Maße verbreitet sind, wie man annehmen würde. Weil sie sich eben nicht belesen, sondern es so machen, wie es bei ihnen selbst gemacht wurde.

Damit wären wir beim nächsten Punkt, der mir in der Diskussion aufstößt, nämlich dem Bezug auf die Eltern-/Großelterngenerationen. Das "Bauchgefühl" einer Kommentatorin der Grafik sagte: "Unsere eigene Mütter, Grossmütter und das Mutterinstinkt in uns sind die beste Ratgeber!" (Originalzitat). Dazu sagt MEIN Bauchgefühl: "Um Gottes Willen!" Ich meine nicht, dass unsere Vorgängergenerationen alles falsch gemacht haben oder früher alles schlecht gewesen ist, nein. Aber es war doch eine ganz andere Zeit, mit anderen Idealen und Menschenbildern, ohne Forschung und ohne Vernetzung (lesenswert dazu ist der heutige Text von Kleine Böcke). Glücklicherweise sind wir heutzutage weiter und können diese Erkenntnisse nutzen. Und auf das Totschlagargument "Es hat uns/euch doch nicht geschadet" kann ich immer nur sagen: wer weiß das schon?!

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass Eltern umso konservativer, althergebrachter, unreflektierter erziehen, je weniger sie sich belesen und austauschen. Und dies wird dann als Bauchgefühl proklamiert. Auch wenn es im Gegensatz zu den Kinderrechten steht. In Wirklichkeit ist es aber oft nur die Übernahme der Erziehungskonzepte der eigenen Eltern bzw. Umgebung, nicht das wirkliche individuelle Eingehen auf das Kind. Womit ich konform gehe, ist das in der Grafik genannte Orientieren an dem, was man selbst als Kind schön fand oder vermisste. Das ist bei mir auch einer der vielen Bausteine meines Umgangs mit den Kindern. Aber da geht es eher um emotionale Belange.

Nur weil man Eltern geworden ist, wird man nicht automatisch eine gute Mama oder ein guter Papa. Das ist ein Prozess, der viel mit Reflektion und Austausch zu tun hat. Über Lektüre, über das Internet, über Gespräche, über das Beobachten der Kinder etc. Ein Bauchgefühl, was per se gut und richtig ist, gibt es meiner Meinung nach nicht. Dafür sind die Erziehungsansätze von Eltern doch zu verschieden. Das kann man schon beim unterschiedlichen Umgang der einzelnen Elternteile mit Kindern beobachten. Der eine ist vielleicht mehr von der eigenen Erziehung geprägt, der andere möchte vieles anders machen. Wer macht es "richtig"? Das kann keiner beantworten. Aber dann soll doch bitte niemand von einem unbeirrbaren, von Zweifeln freien und allein durch's Elternsein vorhanden seienden Bauchgefühl ausgehen und dieses als "Erziehungsmethode" postulieren. Diese Überzeugung widerspricht meinem Bauchgefühl auf das Deutlichste!

Welche Meinung habt ihr dazu?

Blogposts mit gleichlautender Aussage:
Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten: Reichen Intuition und Bauchgefühl bei der Erziehung?
 
Mama hat jetzt keine Zeit: Plädoyer für elterliche Weiterbildung und gegen das Bauchgefühl 

am Rande erwähnt bei Mama notes.

Nestkinder: Verstand und Bauchgefühl
 
Die Physik von Beziehungen: Der Erziehungsratgeber als größter Feind.

Gemeinsam wachsen lernen: Warum ich mich nicht auf mein Bauchgefühl verlasse, sondern lese

Der Apfelgarten: "Wie lange denn noch?"

Buntraum: Die Sache mit dem Bauchgefühl

P.S. Ich distanziere mich ausdrücklich und sehr deutlich von den letzten, ganz unten stehenden Kommentaren. Ich habe nicht weiter geantwortet, um solchen schlimmen Auffassungen nicht noch mehr Forum zu bieten. Eine Diskussion mit solchen Leuten ist sowieso sinnlos. Weitere dieser Kommentare mit zum Teil persönlichen Beleidigungen habe ich nicht freigeschaltet und werde dies auch nicht tun. Auf meinem Blog sind Kinder gleichwertige Wesen, und eine liebevolle Erziehung schließt einen versohlten Hintern kategorisch aus. Würde der betreffende Kommentator nicht im Ausland wohnen, würde ich Anzeige erstatten. Menschen mit solchen Überzeugungen mögen meinem Blog bitte fernbleiben!

Samstag, 20. Juni 2015

Nur eine glückliche Mama ist eine gute Mama?

Wie wird man eine glückliche Mama? Nur dadurch, dass man Kinder bekommt? Definitiv nicht. Ich hatte ja schon bei der traumatischen Geburt des Großen nicht die erwarteten überschwänglichen Glücksgefühle empfunden und die darauffolgenden Wochen und Monate setzten dem noch eins drauf. Ich war todunglücklich wegen einer Tatsache, die ich mir selber sehnsüchtig gewünscht hatte und die zu guter Letzt doch noch in Erfüllung gegangen war. Auch bei der wunderschönen Geburt der Kleinen wurde ich nicht von Glücks- und Mamagefühlen überschwemmt. Das ist wahrscheinlich einfach eine Typfrage und nicht zwangsläufig von äußeren Gegebenheiten abhängig. Auch in den Babyzeiten beider Kinder wurde ich nicht dadurch, dass ich ein Kind hatte, automatisch eine glückliche und zufriedene Mama, im Gegenteil. Deshalb machte es auch gar keinen Sinn, immer wieder gesagt zu bekommen, wie glücklich ich doch sein könne, weil ich ein (später zwei) gesunde/s Kind/er habe. Das ging völlig an meinem Empfinden vorbei.

Die Aspekte, die mir beim Mamasein sehr zu schaffen machten, waren so schwerwiegend, dass ich beim ersten Kind überhaupt keine Zufriedenheit, geschweige denn Glück, fühlen konnte. Dazu gehörten neben Schlafmangel und körperlichen Problemen sowie dem anstrengenden Kind auch die ständige Bereitschaft, die fehlende physische Distanz zwischen mir und dem Baby, das völlige Wegbrechen des gewohnten Lebens, die soziale Isolation, das intellektuelle Unterfordertsein und gleichzeitig komplette Überfordertsein, was die Belange des Babys betrifft, die fehlenden Auszeiten, die Fremdbestimmtheit und die ungeheuerliche Zerrissenheit zwischen meinen Bedürfnissen und denen des Babys, die auf einmal wichtiger waren als meine. Mit Sicherheit kommen viele Frauen damit besser klar, als ich es konnte. Aber genau das setzte mich noch mehr unter Druck.

Ich hadere sehr intensiv mit Dingen, die nicht so laufen wie vorgestellt. Ich bin kein Mensch, der unangenehme Tatsachen leichten Herzens akzeptiert und das Schicksal so annimmt, wie es ist. Ich grübele viel und verfange mich in Kreisläufen. Ich bin auch überhaupt niemand, der seine Bedürfnisse leichten Herzens aufgibt zugunsten anderer, und wenn es die eigenen Kinder sind. Wenn mir dann noch Unverständnis entgegenschlägt oder der ehrliche Austausch fehlt, verstärkt sich alles  und ich fühle mich noch hilfloser und gefangener als ohnehin schon. Ich möchte eigentlich Dinge verändern, die mir nicht gut tun. Das neue Leben mit den Kindern konnte ich nicht verändern. Diese erzwungene Passivität hat mir unheimlich zu schaffen gemacht. Und ohne konstruktiven und vielseitigen Austausch habe ich es auch nicht geschafft, die kleinen Aspekte zu sehen, die ich vielleicht hätte ändern können. Zum Beispiel hätte ich mehr konkrete Unterstützung einfordern müssen, statt darauf zu warten, dass mir beispielsweise Auszeiten gewährt werden. Das schaffte ich mit meinem schlechten Gewissen aber nicht. Dadurch wurde ich noch unzufriedener und der unheilvolle Kreislauf nahm seinen Lauf. Es war auch für meine Umgebung nicht einfach, da ich nach Auszeiten meist noch unglücklicher als vorher war, weil ich dann so richtig knallhart merkte, was ich verloren hatte und so unglaublich vermisste. Ich hatte mehrfach danach emotionale Zusammenbrüche, die allen Beteiligten viel Kraft kosteten. Und trotzdem wäre es lebenswichtig gewesen, diese kontinuierlich einzufordern bzw. sich zu nehmen.

Eine grundlegende Besserung meines Befindens trat eigentlich erst ein, als die Kinder in die Kita kamen und es wieder ein strukturiertes, teilweise selbstbestimmtes Leben für mich gab. Deshalb wäre es für mich nie eine Option gewesen, die Kinder länger, also 2 oder 3 Jahre, zuhause zu lassen. Dass ich meinen Großen statt wie geplant mit 1 1/2 Jahren schon mit 13 Monaten in die Kita gab, machte mir und meinem schlechten Gewissen einerseits schwer zu schaffen, andererseits war es wirklich Rettung in höchster Not für meine psychische Gesundheit als Mama und Mensch. Die Fremdbetreuung der Kinder war also, so paradox es klingen mag, ein wichtiger Baustein meiner Mama-Zufriedenheit. Hinzu kommen das steigende Alter der Kinder, wodurch es für mich schrittweise immer einfacher geworden ist, das eigene Arbeitsleben und die damit einhergehende Bestätigung auf ganz anderen Gebieten sowie das Bewusstsein, dass ich den Lebensabschnitt, wo ich tatsächlich alle meine Bedürfnisse für die Kinder aufgeben muss, mit jedem Tag mehr hinter mir lasse.

Es änderte sich auch die Fähigkeit, unabänderliche Dinge annehmen zu können. Das ist bis heute von Tag zu Tag unterschiedlich und sehr von meiner jeweiligen Verfassung und der allgemeinen Stimmung abhängig. Mich tangiert eine schlechte Laune oder ein Klammertag von einem meiner Kinder subjektiv mehr als viele andere Mamas, die ich kenne. Das ist wohl eine "Nebenwirkung" meiner Hochsensibilität. Es betrifft mich richtig tief und raubt mir wertvolle Kraft. Ich bewundere Mamas, die nach dem Motto "Augen zu und durch, es kann ja nur besser werden" agieren. Ich konnte das lange Zeit nicht und es fällt mir bis heute zeitweise schwer. Auch die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse zurückstellen zu können, zumindest solange die Kinder klein sind, ist zwar etwas gewachsen, aber immer noch nicht in dem Maße vorhanden wie bei anderen. Ehrlich gesagt, möchte ich dies auch gar nicht. Ja, ich weiß, man sollte sich nicht vergleichen, tut es aber eben doch, wenn man sich Gedanken darüber macht, warum man selber nicht mit Dingen klarkommt, die anderen gar nicht schwerfallen.

Ich merke an Tagen, wo ich das problemlos kann und nicht durch die innere Unruhe und das Bestreben, unbedingt etwas für mich tun zu müssen, unzufrieden und getrieben werde, wie "einfach" das Mamasein sein kann. Deshalb halte ich es für einen bedeutsamen Bestandteil eines als leicht und befriedigend/erfüllend empfundenden Mamalebens, ob man diese Fähigkeit hat, entweder von Grund auf oder durch die Kinder erworben. Ich habe sie nicht, deshalb ist meine Herausforderung, eine gesunde Balance zu finden zwischen meinen Bedürfnissen und denen der Kinder, damit ich zufrieden bin. Ich werde nicht dadurch zufrieden, indem ich sie aufgebe oder unterdrücke, aber ich kann sie zurückstellen, wenn ich dafür im Gegenzug andere Freiheiten habe.

Zum Beispiel kann ich bis heute die Kleine nicht abends und nachts alleine lassen, was ich schon als starkes Korsett empfinde, weil ich auch mal gern wieder alleine über Nacht wegfahren würde. Wenn ich aber dafür beispielsweise mal am späten Nachmittag oder am Wochenende ins Kino gehen kann, wird das etwas aufgewogen. Auch das Vollstillen war (vor allem beim Großen, der anfangs ein Dauerstiller war) eine enorme Freiheitsberaubung für mich, weil beide Kinder jegliche Flaschenernährung verweigerten und ich sie erst länger allein lassen konnte, als sie nennenswerte Mengen an Beikost aßen, was ca. mit 8 Monaten der Fall war. Bis dahin konnte ich mich nie länger als ca. 2 Stunden entfernen. Ich habe diese Bedürfnisse meiner Kinder erfüllt, auch wenn es mir oft schwerfiel, aber einen gerechten Ausgleich dafür zu finden ist schwierig. Das Gleiche gilt für den ständigen nächtlichen Bereitschaftsdienst, der unheimlich schlauchte. Deshalb habe ich in dieser Zeit auch viel mehr gelitten als heute, wo ich mir kleine Refugien schaffen kann.

Also, mein Fazit ist: eine Mama kann leichter glücklich und zufrieden sein, wenn sie die Fähigkeit hat, ihre Bedürfnisse zugunsten ihrer Kinder zumindest eine Zeitlang zurückzustellen. Das ist aber meiner Meinung nach kein Verdienst, sondern eine naturgegebene Eigenschaft. Ich muss da immer an meine verstorbene Oma denken, die sich zugunsten ihrer Familie völlig zurücknahm und daraus ihr Glück schöpfte. Eine Mama, die diese Fähigkeit nicht hat (wie ich), wird durch das Aufgeben ihrer Bedürfnisse nur unglücklich und muss zusammen mit ihrer engsten Umgebung darauf achten, dass gewisse Bedürfnisse erfüllt werden oder durch andere positive Dinge kompensiert werden. Dann schafft sie es auch, manche Bedürfnisse warten zu lassen und wird durch diese Balance ebenfalls zufriedener. Das schlechte Gewissen klopft zwar immer an, aber das kennt sicherlich fast jede Mama. Aber auch das wird weniger, je älter die Kinder werden;). Ich war lange Zeit keine glückliche Mama, aber ich hoffe, ich war trotzdem eine gute Mama. Das Mamasein ist aber wesentlich angenehmer, wenn man zufrieden wird durch die Aspekte, die einem selbst wichtig sind, was sicherlich individuell sehr unterschiedlich ist. Für mich sind es die oben geschilderten Dinge. Das ist auch alles ein langwieriger und schmerzhafter Lernprozess gewesen.

Welcher Typ Mama seid ihr bzw. wie löst ihr diesen Zwiespalt?

Donnerstag, 18. Juni 2015

Nächtlicher Besuch

Die Kleine schläft, seit sie ca. 19 Monate alt ist, ziemlich zuverlässig in ihrem eigenen Bett durch. Bis dahin war es ein langer, mitunter anstrengender Weg (wenn auch nicht vergleichbar mit der Schlafkarriere des Großen), wie hier beschrieben. Ab und zu wachte sie noch abends oder nachts auf, ließ sich aber immer relativ schnell von mir beruhigen und blieb auch anstandslos in ihrem Bettchen, das mit dem Kopfende an meinem Bett steht. Ich schlafe neben ihr im großen Bett und das hat sie seitdem immer akzeptiert.

Seit ca. 2 Wochen hat sich etwas geändert. Es begann damit, dass sie ein paarmal nachts aufwachte, jammerte und, anstatt zu warten, bis ich aufstand, samt Schlafsack über den hohen Rand ihres Gitterbetts stieg, um zu mir zu kommen. Die Kopfseite ihres Bettes grenzt direkt an mein Bett. Ich gab ihr etwas zu Trinken und sie schlief schnell wieder ein. Ich ließ sie natürlich bei mir liegen. Ein paar Nächte war Ruhe, dann fing es wieder an. Es machte mir eigentlich nichts aus, da sie ruhig schlief, wenn sie mich neben sich spürte. In dieser Zeit wachte sie auch sehr früh (vor 6 Uhr) auf, was ungewöhnlich für sie ist. Eine Phase, alles eine Phase...;)


Gestern abend rief und weinte sie schon gegen 22 Uhr und als ich ins Schlafzimmer kam, befand sie sich in meinem Bett, war also wieder mit Schlafsack über den Rand ihres Bettes gestiegen und da ich nicht drin schlief, war sie natürlich verwirrt. Sie wollte partout nicht wieder in ihr eigenes Bett und so legte ich mich neben sie, damit sie wieder einschlief. Das dauerte aber eine ganze Weile und sie war sehr unruhig. Als ich mich endlich rausschleichen konnte, ließ ich sie liegen, kam dann kurze Zeit später wieder und wir blieben die ganze Nacht zusammen im Bett. Sie umzubetten war mir zu riskant. Ich konnte aber diesmal schlecht schlafen und möchte das nicht etablieren. Als Ausnahmefall ist es okay und stört mich nicht, sollte aber nicht die Regel werden. Was mir Sorge bereitet, ist, dass sie samt Schlafsack über den hohen Rand steigt. Was ist, wenn sie mal nicht das Kopfende erwischt, sondern über die lange Seite klettert und auf den Boden fällt?

Nun bin ich gespannt, wie es weitergeht. Immer wieder erstaunlich, welche Phasen und Veränderungen es im (Schlaf-) Verhalten von Kindern gibt. Eingreifen mag ich eigentlich nicht großartig, ich denke, vieles reguliert sich von allein wieder. Die Gitterstäbe möchte ich auch noch nicht abmachen, das ist mir etwas zu früh. Sie soll auch weiterhin im Schlafzimmer bei mir schlafen, so kann ich sofort reagieren, ohne dass der Große wach wird, was passieren würde, wenn sie beide gemeinsam im Kinderzimmer schlafen würden. Es bleibt die Angst vor einem Fall.

Habt ihr gute Gedanken oder Tipps für mich?


Samstag, 13. Juni 2015

Die erste Kitareise des Großen im Juni 2015

Hier bei uns ist es üblich, dass schon in der Kitazeit die erste mehrtägige Reise durchgeführt wird. Für den Großen war es nun, mit 4 1/4 Jahren, zum ersten Mal soweit und er fuhr mit seiner Gruppe und den älteren Kitakindern für 4 Tage in ein Feriendorf an einem See, ca. 1 Stunde von zuhause entfernt. Seit er etwas über 3 Jahre alt ist, übernachtet er ab und zu bei den Großeltern und hatte als Vorbereitung für die Reise schon im Februar eine Piratennacht in der Kita. Trotzdem, und dies sei gleich vorweggeschickt, halte ich persönlich es für eine zu lange Zeit. Von Montag bis Freitag unterwegs zu sein, in einer großen, wilden und lauten Gruppe, ohne Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten ist nicht nur für einen 4-Jährigen eine enorme Anstrengung.

Aber der Reihe nach. Am Montag 8.6. brachten wir ihn ganz normal zu 8:15 Uhr in die Kita. Mit seinem großen Reisekoffer und kleinem Rucksack marschierte er stolz durch die Straßen. Uns war etwas mulmig. Das Packen war ein enormer Aufwand gewesen. Für jeden Tag musste ein separates Paket gepackt werden. Überall Namensaufkleber rauf, ich habe eine Bestandsliste geschrieben und alle Teile fotografiert, zur Sicherheit. Das Abgeben am Morgen war etwas turbulent, die Kinder klammerten alle und die Kleine war ziemlich durcheinander. Wir verabschiedeten uns vom Großen und mein Mann musste dann noch die schreiende Kleine übergeben. Gegen 9 Uhr fuhren die Kitareisenden mit Bussen ins eine Stunde entfernte Feriendorf. Über die WhatsApp-Gruppe informierten uns die Erzieher über die Erlebnisse und schickten viele Fotos. Am Nachmittag waren die Kinder dann schon am See.


Am zweiten Tag (Di 9.6.) machte die Gruppe eine Kutschfahrt, am dritten Tag (Mi 10.6.) eine Waldwanderung. Außerdem gab es "Post" von den Eltern, wir hatten alle eine beschriebene Karte mit Grüßen an unser Kind mitgegeben, die die Erzieher vorlasen. Am vierten Tag (Do 11.6.) bekamen wir gar keine Informationen oder Fotos. In dem Camp gibt es einen Kindertierpark, einen Reitplatz und einen Naturerlebnispark, es liegt direkt am See und Boote sind auch vorhanden. Es wird sicherlich nicht langweilig gewesen sein, allerdings weiß man ja, wie mühsam es manchmal ist, viele Stunden mit Kindern zu füllen, und es wird, denke ich, viel Wartezeit und Leerlauf dabeigewesen sein. Am Freitag 12.6. erfolgte nach dem Frühstück die Rückfahrt. Gegen 11 Uhr durften die Kinder vor der Kita in Empfang genommen werden. Mein Mann, der freitags frei hat, holte den Großen ab. Die beiden gönnten sich noch eine Leckerei in einem Cafe, gingen dann nach Hause, es gab ein Willkommensgeschenk und dann wurde Mittagsschlaf gemacht. Als ich von der Arbeit kam, holte ich die Kleine von der Kita ab und wir fuhren bis abends in unseren Garten.

Mein Mann hatte mir zwischendurch schon berichtet, dass der Große gleich wieder sein gewohntes Meckerverhalten gezeigt hatte und kaum etwas von seinen Erlebnissen preisgab. Der Nachmittag bestätigte das. Ich versuchte auf jede erdenkliche Weise, ein paar Eindrücke aus dem Großen hervorzulocken, aber er reagierte so gut wie gar nicht. Es wirkt immer, als wäre alles schon wieder komplett gelöscht. Wir kennen dieses Verhalten von ihm, aber es ist immer wieder betrüblich. Aus der WhatsApp-Gruppe kamen Nachrichten begeisterter Eltern, deren Kinder wie Wasserfälle plauderten und alles haarklein erzählten. Nicht so bei uns. Er verhielt sich, als wäre nichts gewesen, suchte zwar immer wieder Ruhe und Rückzug, war aber überhaupt nicht kuschelig, weich oder anschmiegsam, wie man es sich nach so einer Reise vielleicht wünschen würde.

In einigen Konfliktsituationen verhielt er sich genauso unnachgiebig, kompromisslos und schnell gekränkt wie üblich. Erstaunlich, wie rasant er von der extremen Anpassung der letzten Tage umschalten kann auf "Normalbetrieb". Gegen Abend hin gab er dann auch einige neu gelernte Ausdrücke zum Besten (die er hoffentlich schnell wieder vergisst), klagte über die Schmerzen seiner leider sonnenverbrannten Schulterpartie und war nicht nur uns, sondern dann auch der Kleinen gegenüber nicht auf Kuschelkurs. Zwar sind wir es so von ihm gewöhnt, aber das macht es nicht unbedingt leichter. Ein Kind, was uns weder an seinen schönen Erlebnissen teilhaben lässt noch sich wieder freudestrahlend und sehnsüchtig ins familiäre Nest integriert, verlangt schon eine große Portion elterliche Toleranz. Unsere Erwartungshaltung oder Hoffnung ist eben doch immer wieder eine andere, auch wenn wir es eigentlich besser wissen müssten.

Mein Fazit:
Wie hier und hier schon öfter beschrieben, war es für uns wieder eine traumhaft entspannte Ein-Kind-Zeit. Die morgendliche Routine funktionierte wesentlich reibungsloser und ruhiger mit der kooperativen Kleinen, die im Gegensatz zum Großen sich bereitwillig anzieht und zur Tür geht, wenn wir los müssen. Das Abholen war ebenfalls sehr harmonisch und die Nachmittage, die sonst immer vom Zerreißen zwischen den verschiedenen Bedürfnissen und Launen der Kinder geprägt sind, verliefen absolut einvernehmlich und fröhlich. Einen Nachmittag zelebrierte mein Mann einen Papa-Tochter-Nachmittag und ich konnte zu einer sonst utopischen Uhrzeit auf dem Balkon sitzen und schreiben. Das war herrlich! Auch die Abende verliefen ruhig und lustig. Man merkte, wie die Kleine es genoss, dass sich alle mal auf sie konzentrierten, muss sie doch sonst oft hinter dem fordernden Großen zurückstecken. Und wir wiederum merkten, wieviel in ihr steckt und was für ein tolles Wesen sie hat. Besonders für meinen Mann war das wieder eine schöne Erkenntnis, da er sie sonst zumeist eher mit Kreischerei und Zickerei in Verbindung bringt, obwohl ich ihm immer wieder sage, dass das überwiegend aus dem Zusammentreffen mit dem Großen entsteht. Die Abwesenheit des zweiten Kindes wirkt sich auch sofort auf das Nervenkostüm und die körperliche Verfassung aus. Der ständige fiese Magendruck, mit dem ich sonst zu kämpfen habe, glänzte in diesen Tagen durch Abwesenheit. Ich beschreibe es immer wie ein permanent überspanntes Seil, was auf einmal gelockert wird. Das ganze Leben ist gleich soviel lockerer, leichter und lustiger. Da die Kleine ja noch nicht alleine verreist, werden wir noch lange Zeit nicht wissen, ob das aus dem Fehlen des Großen mit seinem anstrengenden Charakter resultiert oder generell aus der Abwesenheit eines Kindes.

Emotional war es anfangs schwierig für mich. Jedes Foto, jede Nachricht bescherten mir einen Kloß im Hals und ein Tränchen im Auge. Nach 2 Nächten hätte der Große von mir aus zurückkehren können und ich halte die 4 Tage wirklich für viel zu lang. Es ist schon ein Unterschied, ob man das Kind bei den Großeltern betreut weiß, mit Exklusivbetreuung und -versorgung und zwar anderen, aber wenigstens individuell auf das Kind ausgerichteten Maßstäben. Wenn er bei den Großeltern ist, mache ich mir fast keine Sorgen und vermisse ihn eigentlich auch nicht. Bei so einer Reise allerdings, mit dem Gruppenzwang, den fehlenden Rückzugsmöglichkeiten, der ständigen Anpassung und Unterdrückung emotionaler Belange, mache ich mir deutlich mehr Gedanken um ihn und habe mich oft gefragt, wie er bestimmte Momente bewältigt. Ich spüre dann viel mehr, dass ich ihn dort nicht beschützen und auffangen kann, wie ich es zuhause immer mache. Das bereitete mir anfangs große Schwierigkeiten und ich war die ersten Tage richtig traurig. Nach und nach wurde es etwas besser.

Es entstand für mich erstmals ein deutlicher Zwiespalt zwischen dem eigenen Wohlfühlen in der Ein-Kind-Situation und den Gedanken und Sorgen um das physische und psychische Wohl des Großen. Letzteres war bei den bisherigen Übernachtungsbesuchen des Großen bei den Großeltern nicht der Fall gewesen und ich fühlte mich vor allem am Anfang sehr zerrissen. Er ist eben noch sehr klein und benötigt nicht nur Unterstützung bei den alltäglichen Dingen, sondern vor allem auch emotionales Feedback. Auch wenn er das vielleicht selbst nicht merkt oder annehmen will. In der ersten Nacht zuhause weinte er zweimal, was er sonst nie macht. Er verarbeitet also schon auf seine Weise.

Für mich ist es enorm schwierig, direkt hinterher nichts zu erfahren. Beim Abholen ist dafür verständlicherweise keine Gelegenheit. Für Eltern von Kindern, die von selbst nichts erzählen, ist es ziemlich schwer erträglich, so in der Luft zu hängen. Ich hoffe, dass bald Entwicklungsgespräche in der Gruppe des Großen stattfinden. Diese sind extra auf die Zeit nach der Kitareise verschoben worden, damit diese mit einfließen kann. Ich bin gespannt, was wir dann erfahren werden. Vielleicht gibt der Große bis dahin häppchenweise noch ein wenig mehr preis. Und sollte ein Feedback der Eltern gewünscht sein, werde ich auf jeden Fall für eine kürzere Dauer plädieren, zumindest für dieses junge Alter. Auch wenn die seltenen Ein-Kind-Zeiten bei uns sehr willkommen und entlastend sind.

Nachtrag:
Ein paar Tage später habe ich mit seiner Bezugserzieherin ein längeres, lockeres Gespräch geführt, in dem sie mir erzählte, dass der Große immer gut drauf, immer fröhlich und unkompliziert gewesen sei und nach ihrer Einschätzung viel Spaß gehabt hatte. Überhaupt hätten sich alle Kinder unglaublich entwickelt und an Selbstvertrauen gewonnen. Für die Erzieher wären es trotzdem anstrengende Tage gewesen, verständlicherweise.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Kleine Kinder, kleine Sorgen?

Wird es für Eltern schwieriger oder leichter, je älter die Kinder werden? Diese Frage treibt mich regelmäßig in und nach Diskussionen mit anderen Mamas, die schon ältere Kinder haben, um. Die meisten Menschen behaupten ja, dass es mit zunehmendem Alter der Kinder immer komplizierter, anstrengender und aufwändiger für die Eltern wird, man mit ganz anderen Themen, Fragestellungen und Problemen als im Baby-/Kleinkindalter konfrontiert ist und viel eher an seine Grenzen als Eltern stößt. Bekannt ist der Spruch: "Kleine Kinder - kleine Sorgen, große Kinder - große Sorgen". Diese Aussagen werden entweder mit den eigenen Erfahrungen untermauert oder theoretisch angenommen und weitergegeben. Vielen Eltern scheint es tatsächlich so zu gehen, dass die Probleme und Sorgen proportional mit dem Alter der Kinder ansteigen.

Ich bin gespannt, wie ich das im Laufe der nächsten Jahre empfinden werde. Nun habe ich ja bisher erst (oder schon, je nach Perspektive) 4 Jahre Elternsein hinter mir und muss aus meiner bisherigen Erfahrung sagen, dass der oben genannte Spruch für mich nicht stimmt. Im Gegenteil, die letzten 4 Jahre war es für mich eindeutig so, dass es immer einfacher wurde, je älter, selbstständiger und bewusster die Kinder wurden. Nun sind 4 Jahre keine lange Erfahrungszeit im Kontext von 18 Jahren, die ich für meine Kinder im Wesentlichen verantwortlich bin. Trotzdem ist in diesen 4 Jahren eine eindeutige, kontinuierliche Tendenz dahingehend zu verzeichnen, dass mir das Leben mit meinen Kindern immer leichter fällt, ich nicht mehr ständig an meine Grenzen stoße, sondern das Gefühl habe, die allermeisten Probleme gut und zufriedenstellend lösen zu können. Dies ist meine ganz persönliche Erfahrung.

Mir ist bewusst, dass im weiteren Verlauf der Zeit und des Begleitens meiner Kinder beim Älterwerden sicherlich eine Unmenge an Problemen auftauchen werden, die mich (und sie) vor enorme Herausforderungen stellen werden. In 2 Jahren kommt mein Großer in die Schule und schon jetzt mache ich mir, vor dem Hintergrund seiner besonderen charakterlichen Bedingungen, Gedanken über die richtige Schulwahl. Medienkonsum wird ein schwieriges Thema für mich, das weiß ich jetzt schon. "Falsche" Freunde, schlechter Einfluss, schulische Probleme, Unentschlossenheit und Wankelmütigkeit, extreme Hobbies, die ich vielleicht nicht nachvollziehen kann, Umgang mit Veränderungen, Verlust und Tod, körperliche Vernachlässigung, seelisches Unglück, vielleicht sogar Selbstmordgedanken sind Probleme, die möglicherweise auf mich zukommen und wo wir gemeinsam mit dem Kind einen Weg finden müssen. Ich kann nicht vorhersehen, wie schwierig, belastend und nervenaufreibend das sein wird. Mit Sicherheit enorm.

Was ich aber kenne, ist die Erfahrung, völlig rat- und hilflos im Umgang mit seinem Kind zu sein, nicht weiterzuwissen und eine individuelle Strategie für mich und das Kind entwickeln zu müssen. Dazu war nicht erst die Autonomiephase meines Großen nötig, sondern das begann mit dem Tag seiner Geburt und kennzeichnete das gesamte erste Babyjahr. Noch nie in meinem ganzen Leben und seitdem nie wieder habe ich mich so überfordert, hilflos und verzweifelt gefühlt. Noch nie bin ich so an und über meine Grenzen gekommen. Nie zuvor habe ich erleben müssen, dass nichts, was ich tat, einen positiven Einfluss auf die Probleme hatte (Ausnahme: meine Fehlgeburt). Und dass es von allein, langsam, stetig, in ganz kleinen Schritten immer besser wurde.

Eine Bekannte meinte, dass es am Anfang mit Kindern körperlich sehr anstrengend ist (durch Schlafmangel, Versorgung und 24/7-Bereitschaft) und später dann eher psychisch/mental. Für mich dagegen war das erste Jahr als Mama das nicht nur körperlich, sondern vor allem psychisch härteste meines ganzen Lebens. Wenn jemand zu mir sagte, "genieße die Babyzeit, sie werden so schnell groß", musste ich immer gequält lachen. Nicht nur in der Situation selbst habe ich die Babyzeit nicht genießen können, auch rückwirkend treibt mir die Erinnerung daran noch einen Schauer des Grauens über den Rücken. Selbst bei der Kleinen, die anfangs ein Traumbaby war, habe ich mir oft gewünscht, dass sie schnell größer werden möge und ich mehr mit ihr anfangen kann.

Jetzt sind beide in einem Alter, wo man mit ihnen kommunizieren kann. Sie werden immer selbstständiger und sind nicht mehr ganz so ausschließlich auf uns Eltern angewiesen. Sie entdecken die Welt und wir begleiten sie dabei. Das ist schöner, befriedigender und anspruchsvoller als die Versorgung eines Babys, finde ich. Von einem Schreibaby ganz zu schweigen. Ich kann also für mich bisher resümieren, dass es im Laufe der Jahre immer einfacher mit den Kindern geworden ist. Das heißt nicht, dass es leicht ist; ich empfinde das Kinderhaben weiß Gott nicht als leicht, im Gegenteil. Aber nicht mehr ganz so jenseits aller Kräfte und Nerven wie am Anfang. Ich bin seitdem nie mehr so am Abgrund gewesen wie im ersten Babyjahr, nie mehr so verzweifelt und ohnmächtig. Und ich hoffe, dass alle Sorgen und Probleme, die zukünftig durch meine älter werdenden Kinder auf mich zukommen, mich nie vergessen lassen, wie haltlos es am Anfang war. Und dass ich sie deshalb vielleicht als besser zu bewältigen empfinde. Wir werden sehen. Bisher habe ich mir die Babyzeit jedenfalls noch nie zurück gewünscht;)

Nun bin ich auf eure Erfahrungen gespannt! Wie empfindet ihr das, ist es für euch mit zunehmendem Alter der Kinder leichter oder schwieriger geworden? Welche Probleme machen euch besonders Angst? Mich würden auch Erfahrungen von Mamas älterer Kinder interessieren, die vielleicht eine ähnlich schwierige Baby-/Kleinkindzeit durchhaben wie ich. Wie erlebt ihr das jetzt, wo eure Kinder größer sind? Welche Themen bereiten euch Probleme?

Samstag, 6. Juni 2015

Entspannte Kinder machen entspannte Eltern

In der realen und virtuellen Welt begegnen einem die unterschiedlichsten Auffassungen und Erfahrungen, was die Entwicklung und den Umgang mit Kindern angeht. Das finde ich meistens sehr interessant und bereichernd, auch in den Aspekten, die ich als ganz anders empfinde. Allerdings gibt es ein paar Auffassungen, auf die ich bei jedem Hören und Lesen empfindlich reagiere und wo ich jedesmal das Bedürfnis habe, eine ausführliche Antwort auf aufgestellte Behauptungen zu geben.

Dazu gehört die immer wiederkehrende, nicht auszurottende und so undifferenzierte wie kränkende Meinung, dass Eltern von Schreibabys* oder anstrengenden Kleinkindern ja doch irgendwie schuld an oder verantwortlich für das Verhalten des Kindes sein müssen, weil sie entweder nicht entspannt genug sind, das Kind falsch behandeln, nicht konsequent genug oder ZU streng sind, es nicht genug in seinen Eigenheiten akzeptieren oder womöglich überhaupt nicht so lieben würden, wie es ist. Die Liste der Vorwürfe ließe sich beliebig erweitern. Denn ein anstrengendes Kind käme ja nicht als solches auf die Welt, sondern würde erst durch die Einflüsse von außen so geprägt.

Sicherlich gibt es Kinder, die durch eine lieblose, gewalttätige und respektlose Erziehung zu schwierigen Fällen werden. Um solche geht es aber meist nicht, sondern um Kinder, die von ihren Eltern als anstrengend, als Kinder mit starken Bedürfnissen (High-Need nach William Sears) empfunden werden und die ihre Eltern regelmäßig vor Herausforderungen im alltäglichen Umgang mit ihnen stellen, die sich Eltern von pflegeleichten Kindern nicht im Ansatz vorstellen können. Bekanntlich habe ich ein solches Kind, meinen Großen, und bin seit dem Tag seiner Geburt immer wieder mit solchen Vorwürfen und Schuldzuweisungen konfrontiert worden. Obwohl ich mich mittlerweile nicht mehr so darüber aufrege wie früher, trifft es mich dennoch immer wieder, wenn Menschen, die weder ein solches Kind haben noch die genauen Umstände kennen, immer wieder in die gleiche Kerbe hauen. Und ich habe auch immer wieder den Impuls, mich erklären und rechtfertigen zu müssen.

Ich glaube, und das kann ich aus meiner Erfahrung mit meinen beiden unterschiedlichen Kindern sagen, dass jedes Kind mit einem ziemlich umfangreichen Paket von Wesenszügen, Fähigkeiten und Stärken/Schwächen auf die Welt kommt, was sich im Falle meiner Kinder vom Tag der Geburt an gezeigt hat und bis heute durchzieht. Ich kann definitiv sagen, dass mein Großer nicht erst zum Schreikind geworden ist, sondern von Anfang an ein Baby mit Regulationsstörungen, ein High-Need-Baby gewesen ist und ich das auch vom ersten Tag an so empfunden habe, auch wenn ich mir das Wissen darüber und die Begrifflichkeiten natürlich erst nach und nach angelesen habe. Klar waren wir unsichere Ersteltern, die Geburt und Krankenhauszeit war traumatisch und alles ganz anders als vorgestellt. Aber das geht doch vielen so, und trotzdem erwachsen aus diesen Voraussetzungen nicht automatisch Schreikinder.

Der Große war ja ein lang ersehntes Wunschkind, über die Schwangerschaft waren wir sehr glücklich und sie war bis auf die Angst der ersten Wochen vor einer erneuten Fehlgeburt auch im Großen und Ganzen problemlos. Ich fühlte mich abgesehen von kleineren Zipperlein wohl und freute mich auf mein Baby. Ich arbeitete bis zum Resturlaub vor dem Mutterschutz in meinem Teilzeitjob, der mir auch genug Zeit zum Genießen der Schwangerschaft ließ, und entspannte mich dann in den letzten Wochen noch einmal so richtig. Also ideale Voraussetzungen für ein entspanntes Baby, um mal in der Denkweise der Befürworter der These "Entspannte Mama - entspanntes Baby" zu bleiben. Allerdings war der Große im Bauch schon extrem unruhig, was ich auch ohne Vergleichsmöglichkeit als "unnormal" empfand. Aber nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, wie es dann wirklich mit ihm war.

Weder eine problematische Schwangerschaft noch eine unentspannte Mama oder sonstige schwelenden Probleme waren also "schuld" an dem Schreibaby, was wir bekamen. Die Geburt war sicherlich alles andere als optimal und hat sich nicht gerade positiv auf seinen Gemütszustand ausgewirkt, aber auch hier gibt es viele ähnliche Fälle ohne Schreibaby-Nachwirkungen. Unerfahrene und unsichere Erstlingseltern sind heutzutage die meisten Eltern, und trotzdem ist die Schreibaby-Rate über die letzten Jahrzehnte nicht signifikant angestiegen. Mit meinem heutigen Wissen hätte ich zwar damals ganz anders agieren können, wäre viel ruhiger und selbstbewusster gewesen und hätte mich nicht so schnell verunsichern und kränken lassen. Entspannt wäre ich allerdings trotzdem mit Sicherheit nicht gewesen. Schon unsere schreckliche Hebamme konfrontierte uns ja indirekt mit Vorwürfen, unsere "Unentspanntheit" betreffend, ohne sich wirklich mit unseren Problemen auseinanderzusetzen. Die allerschlimmste Schuldzuweisung überhaupt kam übrigens aus meiner eigenen Familie, die implizit behauptete, die Entstehungsgeschichte des Großen sei verantwortlich dafür. Demnach müssten ja alle diese Babys Schreikinder sein... Rationalen Argumenten sind solche Menschen sowieso nicht zugänglich. Als diese Vorwürfe mehrfach wiederholt wurden, gleichzeitig aber schizophrenerweise auch behauptet wurde, der Große sei doch ein ganz normales Baby, drohte ich den Kontaktabbruch an. Ich, die ich kurz vorm Kollabieren war und mir nichts mehr als Hilfe, Verständnis und Unterstützung wünschte. Es half kurzzeitig. Ausrotten kann man aber solche Überzeugungen leider nie.

Sicherlich kann es Faktoren geben, die Babys zu Schreibabys werden lassen, das will ich nicht bestreiten. Bei vielen Babys werden ja auch immer wieder körperliche Ursachen gefunden (Blockaden, Kiss-Syndrom, Unverträglichkeiten). Oder das Schreien hört nach den üblicherweise behaupteten ersten 3-4 Monaten auf, wird also mit Umstellungsproblemen erklärt. All dies war bei uns nicht der Fall. Zwar wurden Blockaden vom Osteopathen gelöst, aber am Wesen des Kindes änderte sich gar nichts. Wenn es nicht den einen eindeutigen Hebel gab, den man umlegen musste, um das Kind zu einem zufriedenen Baby zu machen oder keine explizit körperlichen Ursachen gefunden wurden, wird niemand je endgültig wissen, warum manche Babys pflegeleichter und andere anspruchsvoller sind. Dieses Wissen sollte endlich mal allgemein akzeptiert werden!

Ich wehre mich immer wieder vehement gegen Auffassungen, die die Regulationsprobleme solcher Kinder den Eltern anlasten. Zwar trägt der ungesunde Kreislauf, der durch solch ein forderndes Kind und die deshalb logischerweise angespannten Eltern, entsteht, nicht zur Besserung der Situation bei. Aber der Auslöser ist und bleibt die schwierige Situation mit dem Kind. Ich habe ja nun den Unterschied bei meinen beiden Kindern deutlich gemerkt. Und ich war beim zweiten Mal nicht etwa deshalb entspannter, weil ich schon eine erfahrene Mama war, wie jetzt wieder die Vertreter der o.g. These sagen würden. Nein, im Gegenteil, ich war in der Schwangerschaft deutlich angespannter und ängstlicher, weil ich ein zweites Schreibaby fürchtete. Ich hatte auch mehr Angst vor der zweiten Geburt und zweifelte, ob wir es mit zwei kleinen Kindern hinbekommen würden. Als ich aber merkte, dass meine Kleine ein entspanntes Baby ist, habe auch ich mich sofort entspannt und konnte überhaupt erst so etwas wie einen Mutterinstinkt spüren, weil ich ein positives Feedback vom Baby bekam. Dadurch gewann ich Vertrauen in meine Mama-Fähigkeiten und -Intuition, was in der Babyzeit des Großen völlig gefehlt hat. Ein positiver Kreislauf begann, der bis heute anhält und meinen Umgang mit der Kleinen prägt.

Deshalb ist meine tiefe Überzeugung: "Nicht entspannte Eltern haben entspannte Kinder, sondern entspannte Kinder machen entspannte Eltern" (nach einer Interviewüberschrift des Blogs Frühes Vogerl). Ich wünsche mir, dass diese Auffassung endlich akzeptiert wird und die Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen nicht länger durch Schuldzuweisungen und kränkende Vorwürfe noch mehr belastet werden, als sie es ohnehin schon sind. Zuhören, Verständnis, Hilfe und Unterstützung wären stattdessen angebracht.

* Ich verwende den Begriff "Schreibaby" der Einfachheit halber. Das Phänomen umfasst viele verschiedene Facetten und muss in jedem Fall individuell betrachtet werden. Das exzessive, unstillbare Schreien ist dabei nur ein Aspekt unter vielen anderen.

Lesenswerte Texte dazu:
Entspannte Eltern - entspanntes Baby?
Entspann‘ dich doch mal, Mama! 

Dienstag, 2. Juni 2015

Exklusivzeit für den Großen

Der Große und mein Mann haben gerade zusammen einen Kurztrip an die Ostsee gemacht. Von Sonntag Mittag bis Montag Nachmittag, mit einer Hotelübernachtung und einem Besuch beim 90-jährigen, im Pflegeheim lebenden Opa. Mein Mann hat viel Action mit ihm gemacht, u.a. eine Führung durch den hiesigen Zoo, die wegen Ausbleibens anderer Interessenten eine Exklusivführung war, einschließlich individueller Tierfütterungen und Besuch auf der Tier-Krankenstation. Weiterhin einen Stadtbummel, eine Tretbootfahrt und einen Strandbesuch. Und das alles bei schönstem Sommerwetter. Alle Bilder, die ich zwischendurch zu sehen bekam, zeigten nicht meinen meist etwas griesgrämigen, unzufriedenen Sohn, sondern ein fröhliches, aufgelebtes Kind, das lachte und glücklich war. Er genießt es einfach, wenn er Exklusivzeit hat und sich ein Erwachsener rund um die Uhr um ihn kümmert. Und wenn er ein gleichberechtigter Partner eines Erwachsenen ist. So ist das ja auch immer, wenn er bei meinen Eltern ist. Dieses permanente Nörgeln und Jammern wie bei uns kennen sie von ihm nicht. Und jetzt auch auf dem Kurztrip hat er das nicht gemacht. Für den betreuenden Teil ist es natürlich Schwerstarbeit, weil er wirklich ununterbrochen Aufmerksamkeit einfordert. Aber man kriegt auch viel zurück und lernt das Kind völlig neu kennen. Gerade der Große verhält sich in solchen Situationen so anders als normalerweise.

Leider ist das zuhause in dieser Form nicht zu bewerkstelligen. Da ruft eben der Haushalt, die Kleine oder viele andere organisatorische Dinge. Auch will und muss man sich mal selbst ein wenig ausruhen. Zuhause ist eben keine Ausnahmesituation, sondern Alltag. Wir richten ihm schon immer wieder zwischendurch Exklusivzeiten ein, aber es scheint ihm nie zu reichen. Sobald wir als Familie zusammen sind, wie gejammert und genörgelt, was das Zeug hält. Das ist wirklich sehr nervtötend, für meinen Mann fast noch mehr als für mich, weil er jahrelang eine ewig jammernde Mutter ertragen musste. Der Große scheint auch nicht lange von Exklusivzeiten zehren zu können. Man denkt immer, Mensch, jetzt hat man eine Stunde intensiv mit ihm gespielt (meist mein Mann), da könnte er doch mal länger zufrieden sein. Ist er aber nicht. Das ist schade.

Mit der Kleinen war es eine angenehme, ruhige Zeit. Zwar wachte sie am Sonntag nach dem Mittagsschlaf auf und war untröstlich, weil der Papa und der Große nicht da waren (sie hatten sich zuvor von ihr verabschiedet). Aber sie stellte sich schnell auf die Situation ein und war gut händelbar. Wir hatten Besuch und waren im Kinderbauernhof. Sie fuhr ausdauernd und zufrieden mit ihrem neuen Laufrad. Es war so herrlich entspannt! Und alles ging so schnell und war so wenig aufwändig. Meinen freien Montag empfand ich als besonders erholsam, weil ich nicht aus so einem wahnsinnigen Trubel in ihn hineinging, sondern aus einer schon ruhigen Situation. Das Bringen und Holen der Kleinen verlief auch sehr unaufgeregt und harmonisch.

Gegen 17 Uhr kamen die beiden Männer dann am Montag zurück. Schon in der Tür gab es Zoff zwischen den Kindern, die sich eigentlich so aufeinander gefreut hatten. Der Lautstärkepegel und das Konfliktpotenzial schnellten wieder in unerträgliche Höhen. Mein Mann war verständlicherweise erschöpft von der 24/7-Bespaßung des Großen und der Autofahrt. Jedes Kind zerrte an mir. Die Vorstellung von der Wiederbegegnung und die Realität klafften meilenweit auseinander. Es war kein vernünftiges Begrüßungsgespräch möglich. Ich lotste die Kinder ins Kinderzimmer, wo ein großer Karton stand: ich hatte mit der Kleinen eine begehbare Ritterburg aus Pappkarton gekauft und freute mich auf die Gesichter der Kinder und auf's Aufbauen. Leider nörgelte der Große die ganze Zeit herum und die Kleine ließ sich anstecken. Es war nervenaufreibend. Dass die Kinder es schaffen, die Erholung von 7 freien Stunden innerhalb von ein paar Minuten zunichte zu machen, ist immer wieder frustrierend. Es wurde um jeden Stift, um jeden Aufkleber verbissen gekämpft und bis zum Zu-Bett-Gehen war besonders der Große ziemlich auf Krawall gebürstet. Der Kontrast zu der ruhigen Zeit mit jeweils einem Kind war für uns Eltern einfach extrem krass.


Heute morgen waren sie positiv aufeinander fixiert und man merkte, dass sie froh waren, sich wiederzuhaben. In der Kita war heute der Fotograf da und die beiden müssen wohl ein supersüßes Geschwisterpaar abgegeben haben. Am Nachmittag allerdings gab es wieder Krawall, es wurde um Schaukeln, Seifenblasenschwerter und alles mögliche gekämpft, was zusammen mit meiner derzeitigen Dünnhäutigkeit eine schwierige Mischung ergibt. Ich weiß manchmal nicht, wie ich diesen Stresspegel durchstehen soll. Und es ist ein ungeheurer Stress für mich, sehr anstrengend und kraftraubend, wenn man ein Mensch ist, der eigentlich am liebsten die Tür hinter sich zu macht und seine Ruhe haben will. Dass die Kinder sich streiten, wenn sie zusammen sind, ist unvermeidbar. Aber warum ist es zu viert so viel stressiger und nervenaufreibender? Warum ist der Große dann so unzufrieden? Weil er keine Exklusivbetreuung hat? Weil es keinen "Leithammel" gibt? Oder weil es ihm so wie mir geht, dass die komplette Familie zusammen zu laut, zu unruhig ist und wir dadurch schnell überreizt sind? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich gerade Dinge kränken, über die ich sonst innerlich schmunzele. Und deswegen so genervt auf die vielen kleinen und größeren Scharmützel reagiere. Und mich irgendwie schon wieder auf nächste Woche freue, wenn der Große auf Kitafahrt ist, obwohl ich ja nicht den Großen weghaben will, sondern mir einfach eine insgesamt entspanntere Situation wünsche. Wenn man selber gerade dünnhäutig ist, fällt alles besonders schwer. Da hilft wohl nur: Augen zu und durch und auf schnelle Besserung hoffen.