Dienstag, 24. Februar 2015

Die U8 des Großen am 23. Februar 2015

Gestern, 11 Tage vor dem 4. Geburtstag des Großen, hatten wir die U8, die Vierjahresuntersuchung, bei unserer Kinderärztin. Da sie diese Untersuchungen nur vor oder nach ihrer regulären Sprechzeit macht, wählte ich einen Termin um 8 Uhr, damit der Große fit genug ist und ich ihn danach noch in die Kita bringen konnte. Wir verließen die Praxis um 9:35 Uhr, waren zwar nicht die ganze Zeit komplett im Untersuchungsmodus, aber ca. eine Stunde hat das Ganze schon gedauert. Wir waren beide danach ziemlich knülle.

Der Große war irgendwie doch noch ein wenig angeschlagen von seiner Krankheit und klammerte und jammerte die ganze Zeit mehr oder weniger stark. Diesen extremen Klammermodus hatten wir eigentlich halbwegs überstanden, als er ca. 2,5 Jahre alt war. Letztes Jahr bei der U7a mit 3 Jahren war er wesentlich aufgeschlossener. Obwohl ich ihn gut vorbereitet und ihm immer wieder erklärt hatte, was heute passiert, wirkte er insgesamt ziemlich überfahren, wollte ab und zu die Kooperation verweigern und hing immer an mir dran. Morgens hatte er mir "tschüss" gesagt, obwohl ich angezogen im Flur stand und die letzten Tage gebetsmühlenartig gepredigt hatte, dass wir zusammen zur Kinderärztin gehen. Nun ja.

Wir kamen rein, setzten uns hin, ich bekam zwei Fragebögen und fing an, diese auszufüllen, da kam schon eine Sprechstundenhilfe und wollte den Großen alleine mit zum Seh- und Hörtest nehmen. Er weigerte sich mitzukommen. Verständlicherweise. Was ist das für eine Erwartung an ein 4-jähriges Kind, allein mit einer wildfremden Person an einem unbekannten Ort (wir sind zum Glück sehr seltene Gäste bei der Kinderärztin) zu einer nicht einordenbaren Untersuchung mitzugehen?! Das wäre ja genauso, als würde auf dem Spielplatz eine fremde Person ihn zum Mitgehen auffordern, nur dass diese vielleicht noch ein Leckerli als Anreiz bieten würde! Obwohl unsere Kinderarztpraxis wirklich sehr menschlich und nett ist, war ich doch ziemlich entsetzt, ernsthaft von einem kleinen Kind zu erwarten, sich 2 Minuten nach Ankunft von der Mama zu trennen. Ich ging also mit, er setzte sich auf meinen Schoß und die Seh- und Hörtests sowie der Test zum räumlichen Sehen wurden durchgeführt. Wie ich nachher erfuhr, hätte auch noch ein Farberkennungstest stattfinden müssen, wurde aber vergessen und auch nicht nachgeholt. Bei diesen Tests war alles in Ordnung, die Ohren zwar noch etwas erkältungsbeeinträchtigt, aber nur unwesentlich.

Danach warteten wir auf die Ärztin, der Große sollte sich ausziehen und wurde gewogen und gemessen (Körpergröße und Kopfumfang). Alles war sehr schwierig und der Ablauf stotterte immer wieder, weil er sich verweigerte. Zum Glück drängte uns niemand; auch dies habe ich schon bei einem anderen Arzt mit ihm zusammen erlebt, und als Ergebnis verweigerte er sich komplett. Das diesmal zum Glück nicht. Danach stellte die Sprechstundenhilfe ein paar Fragen an mich und an ihn, ich füllte eher nebenbei den zweiten Fragebogen aus. Ich hatte bei diesem einen Schreck bekommen, weil mir die Anforderungen viel zu hoch schienen, bis ich sah, dass er sich auf die Entwicklung 5-jähriger Kinder bezieht. Auf meine Nachfrage teilte man mir mit, dass er trotzdem benutzt wird, aber die Auswertung anders erfolgt. Schon komisch. Gibt es keinen spezifischen Fragebogen, der die Fähigkeiten 4-jähriger Kinder abfragt?! Außerdem datierte er von 1993/1994, was ganze 20 Jahre her ist! Das kann doch logischerweise nicht mehr auf dem neuesten Stand sein, oder?



Die Sprechstundenhilfe machte einige Sprachtests mit ihm, weil ich auf zwei Ausspracheschwierigkeiten hingewiesen hatte. Er spricht "S" und "Sch" noch etwas verwaschen aus und Aneinanderreihungen von Konsonanten, z.B. "Br", "Dr", "Fr", "Tr", tendenziell als "Gr". Dann fragte sie mich, ob ich noch Anliegen oder Probleme hätte, die ich gerne klären würde, und ich schilderte die drei Themen, die mir auf der Seele lagen. Sie dokumentierte alles fleißig.

Danach kam die Ärztin, hörte ihn ab (das Herzgeräusch, was uns bei der U7a noch einen großen Schrecken eingejagt hatte und vom Kardiologen abgeklärt werden musste, war glücklicherweise weg), kontrollierte die Ohren und die Zähne, untersuchte die Füße (rechts ist immer noch ein leichter Knick-Senkfuß, der sich bis in einem Jahr verwachsen sollte), die Wirbelsäule, den Unterbauch und die Genitalien. Eine wirklich umfangreiche und ausführliche körperliche Untersuchung war das, was ich sehr gut finde. Zwischendurch sollte er sich auf die Untersuchungsliege legen und hat dabei fürchterlich geweint. Hinlegen und Ausgeliefert-Sein scheint ein ganz schreckliches Gefühl für ihn zu sein. Ähnliche, zum Teil noch drastischere Erfahrungen haben wir schon oft mit ihm gemacht.

Dann animierte sie ihn noch zum Hüpfen, Ball werfen, Ball fangen (ich musste alles mitmachen, alleine ging nicht viel), testete seine Malfähigkeiten und wertete die Fragebögen kursorisch aus. Er hat ein Strichmännchen gemalt, mit dem sie sehr zufrieden war, da die Beine aus dem Körper herauswuchsen, nicht aus dem Kopf, wie bei den meisten Kindern in dem Alter, und in einem unbeobachteten Moment, als ich mit ihr sprach, malte er ein für die Ärztin interessantes Bild, was er auch erklären konnte. Damit und mit den zwei Fragebögen war sie jedenfalls hochzufrieden. Auf seine Stifthaltung (Stift in der Faust, wird langsam weniger) ist sie nicht eingegangen, ich habe diesmal ehrlich gesagt auch gar nicht darauf geachtet, wie er den Stift hielt.

Das Gewicht (17,1 kg) im Verhältnis zur Größe (108 cm) ist okay, er ist wirklich sehr schlank, aber es ist nicht besorgniserregend wenig. Er isst halt insgesamt sehr wenig, das war schon immer so. Wenn man allerdings bedenkt, wie rasant er im 1. Lebensjahr zugenommen hat (bei der U6 mit einem Jahr 10,4 kg) und dazu im Vergleich die Gewichtszunahme von der U7a mit 3 Jahren zu jetzt von gerade mal einem Kilo sieht, fühlt sich das schon komisch an. Ändern kann man es aber nicht und es ist alles im Rahmen der normalen Perzentilen. Er ist eben sehr groß für sein Alter. Das Gewicht ist da eher normal.

Was die Aussprache betrifft, so habe ich mit ihr vereinbart, dass wir einfach beobachten, wie es sich entwickelt. Man soll ja die Kinder nicht verbessern, sondern die Aussage wiederholen und das betreffende Wort dann korrekt aussprechen. Bei der U7a mit 3 Jahren konnte er das "F" noch nicht korrekt aussprechen (sagte "S"), und das änderte sich ca. ein Vierteljahr nach der Untersuchung. Ich vertraue da wirklich auf die zunehmende Reife und dass sich vieles ganz von allein entwickelt, ohne dass man nachhelfen muss.

Da die Ärztin dann die Untersuchung mit einer Urinprobe abschließen wollte, habe ich von mir aus die zuvor schon geäußerten Anliegen angesprochen, und das Gespräch darüber dauerte dann noch eine ganze Weile. Ein Anliegen betraf das nächtliche Trockenwerden, was noch in weiter Ferne zu sein scheint. Dahingehend beruhigte sie mich und meinte, dafür hätten wir noch Zeit und oft würde das wie alle Entwicklungsschritte von heute auf morgen kommen.

Das zweite Problem betraf das Problem des Anziehens mit dem hier beschriebenen Leidensdruck vom Großen und von uns natürlich auch. Ich sprach die Möglichkeit von eventuell väterlicherseits vererbten Hautproblemen an. Dazu äußerte sie, ohne dass ich jemals das Thema Hochsensibilität bei ihr angedeutet hätte, überraschend einige Gedanken zu einer möglicherweise gesteigerten Sensitivität und veränderten Reizverarbeitung. Ernsthafte Hautprobleme, Neurodermitis etc. schloss sie eigentlich aufgrund ihrer eigenen Untersuchungen und meiner Schilderungen aus. Wäre dies der Fall, müsste das Problem ja immer und überall auftreten, nicht nur zuhause. Wir sollen nun nochmal in der Kita fragen, ob dort schon dahingehende Äußerungen von ihm aufgefallen wären. Wenn nicht, dann äußert er dieses immense Unbehagen tatsächlich nur bei uns (und bei seinen Großeltern), in seinem geschützten Bereich. Das finde ich ja grundsätzlich positiv, mindert aber nicht unseren und seinen immensen Leidensdruck.

Das dritte Anliegen war meine Sorge bezüglich seiner generellen Schlappheit und Kraftlosigkeit. Ich weiß nicht, ob andere 4-jährige Kinder auch ständig sagen: "Ich bin schlapp. Ich habe keine Kraft. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht laufen." Diese Aussagen gibt er von sich, seit er sich entsprechend artikulieren kann. Und zwar nicht erst in Belastungssituationen, sondern bevor er sich überhaupt in irgendeiner Form betätigen muss. Er konnte beispielsweise mit 11 Monaten frei laufen, läuft aber bis heute mit uns kaum mal eine längere Strecke am Stück. Er fährt meist Laufrad oder will ab und zu auf's Buggyboard. Und wieder ist das ein Verhalten, was er nur bei uns bzw. vertrauten Personen (Großeltern) zeigt. Das heißt aber nicht, dass er simuliert. Ich denke, er empfindet in diesen Momenten tatsächlich so und lässt sich eben einfach in sein persönliches Netz fallen. Auch dies ist für uns oft sehr nervenaufreibend. Der Kardiologe hatte vor einem Jahr eine leichte kindliche Bradykardie infolge von Regulations-Unreife (interessant die Parallele zum Großen als regulationsgestörtem Baby) festgestellt, d.h. sein Herz schlägt etwas langsamer als altersentsprechend normal wäre, woraus eine leichte Kreislaufschwäche resultiert. Das ist vererbt, aber nicht behandlungsbedürftig. Es kann die Ursache für seine Schwäche sein. Um aber ernsthafte körperliche Ursachen auszuschließen, schlug die Kinderärztin ein großes Blutbild vor, um alle Werte einmal durchzuchecken. Wir gehen nun also nächste Woche nochmal nüchtern zur Blutabnahme und ein weiteres Mal zur Auswertung. Dann haben wir hoffentlich Gewissheit. Egal wie es ausgeht: ich kann besser damit umgehen, wenn ich alle Untersuchungsmöglichkeiten ausgeschöpft habe.

Es ist natürlich immer schwierig, solche Probleme vor dem Kind zu besprechen. Zumal er sehr genau zuhört und sicherlich vieles schon versteht. Ich will ihn auch nicht noch mehr problematisieren, mich aber schon mit der ärztlichen Seite darüber beraten. Da wir so selten mit ihm bei der Ärztin sind, musste ich alles in diesen Termin packen. Ich werde hier berichten, wie es nun weitergeht. Die U8 jedenfalls haben wir, trotz seines Klammerns, ganz gut gemeistert. Ärztlicherseits gibt es keinerlei Sorgen, die die Entwicklung des Großen betreffen. Die nächste große Untersuchung ist dann die U9 in einem Jahr.

Kommentare:

  1. Sehr interessant deine Schilderung! Die U8 ist natürlich für die Terrorpüppi noch ne Weile hin, aber wenn ich das hier so lese, wird mir um so klarer, dass ich nen neuen Kinderarzt brauche. Unser jetziger ist fachlich okay, aber er nimmt sich einfach keine Zeit. Die letzte U hat er nicht mal selbst durchgeführt, sondern seine Arzthelferinnen und ein Medizinstudent... und die späteren Us scheinen da einfach einen anderen Typus Arzt zu brauchen. Einen, der nicht nur ob seiner Überlastung rumheult... Also danke für deine ausführliche Rekapitulation!

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    1. Liebe Jessi,
      ein guter Kinderarzt ist wirklich außerordentlich wichtig. Unsere ist auch nicht in allen Belangen perfekt, aber da dies schon unsere 3. Kinderärztin ist und wir vorher immer sehr unzufrieden, um nicht zu sagen schockiert waren, bleiben wir gern bei ihr. Sie nimmt sich Zeit und man kann alle Anliegen mit ihr besprechen. Sie erklärt auch viel, was ich persönlich unbedingt brauche. Gute Kinderärzte zu finden, die dazu noch Kapazitäten frei haben, ist aber sehr schwer.
      Liebe Grüße!

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  2. Jetzt bin ich endlich mal dazu gekommen, deinen U8 Bericht zu lesen. Die erste U der Großen, die wir verpasst haben. Ich wollte meine Kinder eigentlich trotz unserer Auslandsaufenthalte "Checkheft-pflegen". Aber wenn einem von allen Seiten gesagt wird, dass es keine Auffälligkeiten gibt - dafür dann immer hundert Euro zahlen?

    Ein paar Aussprachschwierigkeiten hat meine bald 4,5 Jährige auch. Allerdings kann man das auch darauf schieben, dass nun das Englisch und die Aussprache davon im Vordergrund steht.

    Mal gucken, vielleicht machen wir dann die U9.

    Liebe Grüße,
    Uta

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    1. Hallo Uta,
      wir sind glücklicherweise insgesamt so selten beim Kinderarzt, dass ich die U's einmal im Jahr wirklich gut und wichtig finde. Wie will ein Außenstehender denn beurteilen, ob mit der Wirbelsäule, mit den Füßen, dem Sehen und Hören alles in Ordnung ist? Andererseits sind hundert Euro natürlich kein Pappenstiel, vor allem mit 2 Kindern. Da Du aber mehrfach schriebst, dass es keine richtigen Kinderärzte in London gibt und die GPs kein besonderes Augenmerk auf Kinder richten, würde ich es, glaube ich, doch bezahlen und die Kinder einmal im Jahr ausführlich untersuchen lassen. Hinterher ärgert man sich, wenn man etwas vielleicht früher hätte feststellen können...
      Liebe Grüße!

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